Scheitern ist scheiße

Klar, will ich sagen, klar, kann ich, mach ich, will ich, werde ich. Die vier apokalyptischen Reiter der Versprechungen. Eines an die Möglichkeiten, eines an die Zukunft, eines an sich, eines dem anderen. KANNICHMACHICHWILLICHWERDEICH

Scheitern ist kein verdammter Yoga-Workshop

Menschen schreiben Artikel darüber, damit Menschen wie ich sich nicht so schlecht fühlen. Die Artikel heißen dann „Warum wir scheitern müssen und das super ist“ oder etwas in der Art, denn 2016 muss sich Scheitern endlich wider lohnen, zum Glück hat wenigstens noch niemand ein neues Wort dafür erfunden, so wird es zwar plötzlich eine Sache, die man jetzt echt mal tun darf, aber die heißt wenigstens immer noch so, dass man weiß, dass Scheitern kein verdammter Yoga-Workshop ist.

Diesen Eindruck kann man nämlich bisweilen bekommen, wenn man sich Artikel jenen Inhaltes durchliest, die das Scheitern als das neue, geile Erlebnis erklären: ist ein bisschen wie Detox, erst echt nicht so geil, aber am Ende fühlt man sich total befreit, extrem deep und diesdas. Aha.


Und das ist ja auch ziemlich logisch, 2016, dass wir plötzlich ständig scheitern dürfen. Scheitern ist der Punk der Postpostdingsmoderne, denn natürlich sollen wir alle immerzu und total super-optimiert sein, dafür gibt es schließlich Apps, monatliche Kündigungsfristen, Soja-Milch bei Aldi und Bücher, wenn es sein muss. Wer heute noch darüber schreibt oder nachdenkt, wie arg und unerträglich es in dieser westlichen Superwelt ist, immer super zu funktionieren, der ist entweder superalt oder kennt den AppStore nicht.
Weil die meisten von uns aber wissen, dass wir so oder so ständig auf die ein oder andere Art scheitern, ob jetzt heimlich und es weiß nur Mutti oder halb offiziell und es wissen die Freunde oder aber hochoffiziell und die Kollegen gucken schon komisch: wir scheitern, das ist quasi die Mehrwertsteuer auf den Fun Fun Fun des optimierten Superlebens. Also sind wir jetzt mal richtig rebellisch und erzählen allen, wie wir gescheitert sind, denn was man offensiv angeht, kann einem nur offensiv weiterhelfen und das ist ja die Optimierung 3.0, hallo Internet, hallöchen Wahrheit, die keine ist.

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Ich scheitere jeden Tag an sehr vielen Dingen. Ich scheitere an der Zeit, die ich im Kontext zu mir höchst unangenehm und noch schlimmer: unberechenbar finde. Ich würde mich gerne mehr benehmen, immer sehr nett sein, mich über Kritik nie ärgern, nicht so unsicher und nicht so massiv ehrgeizig sein, ich würde gerne öfter den Mund halten und nicht so schnell beleidigt sein, ich wär gern mehr im Buchladen als im Internet und ich würde gerne öfter aufräumen und weniger oft heulen wegen Quatsch. Jedes Mal, wenn etwas davon passiert, fühle ich mich schlecht und muss akzeptieren, dass ich so ein Opfer meiner Ansprüche bin wie fast alle anderen auch – trotz Apps für To Dos und die Finanzen, Notizbüchern und Erinnerungen, Post Its, Sparkonto, Listen, Selbstvorwürfen, Therapiegesprächen und Selbsthass: Meine Schwächen lassen mich scheitern, hin und wieder, manchmal zu oft, oft zu sehr.

Aber: Das Scheitern an sich ist nichts Gutes. Es ist schmerzhaft, oft unnötig, macht Probleme und die Wahrheit ist, dass Scheitern scheiße ist und in 8 von 10 Fällen nicht dazu führt, dass man es besser hinbekommt, sondern man nur irgendwann lernt, dass Schwächen eben Schwächen sind und auch so heißen dürfen, und nicht hübsch anzusehen sind, aber meine Güte: es lacht sich auch gemeinsam ganz gut mit jenen, die genau so sind, Prost, auf all die, die auch immer nach dem 1. Bier nicht aufhören können.

Lasst das Scheitern in Ruhe jetzt, ok?

Natürlich gibt es das Ausnahmescheitern, das so umfassend und universell ist, dass der ein oder die andere danach begreift, dass das mit dem Job, der Ehe, dem Leben nicht so eine gute Idee war und man ja mal etwas Neues probieren könnte (sollte).

Aber das Durchschnittsscheitern ist nicht schön und nicht glanzvoll und falls doch, so scheitere ich selbst im Scheitern, das ich nicht schön finden will, egal, wie viele AutorInnen sehr umfangreich erzählen, dass es irre wichtig ist für irgendwas mit Selbsterkenntnis.

Am meisten gelernt hab ich im Leben aus den Dingen, die gut liefen, nicht aus jenen, die mir misslungen sind. Ich lernte aus Ihnen, wie sich die Zustände anfühlen, die ich mir wünsche. Und was ich dafür tun muss.Das Scheitern hat mich nur gelehrt, dass diese Zustände Arbeit sind und nur ganz selten Glück. Das zumindest hat es mir beigebracht – auch, wenn es sonst so unschön und traurig ist. Scheitern muss vielleicht das einzige sein, das wir nicht optimieren sollten, weil es sonst in sich zerfällt und kein Scheitern mehr ist. Und weil es nicht bequem und nicht toll, sondern weil Scheitern einfach scheiße ist.

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Scheitern ist scheiße

Gar nichts ist hier noch selbstverständlich

Heute Mittag wurde die britische Parlamentsabgeordnete Jo Cox niedergeschossen und ist an den Folgen des Attentats gestorben. Das Motiv? Noch unbekannt. Was aber jetzt schon bleibt:  Betroffenheit, Wut über die Wut, Wut über den Hass und die Frage danach, was das alles eigentlich mit uns allen macht.

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Gar nichts ist hier noch selbstverständlich

Eine Stadt, ein Herz, ein Leerlauf

 

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1
Sie sagen, sie können immer nur ein Kapitel nach dem anderen lesen. Mit langen Pausen dazwischen. Ich lache ein bisschen. Ich schreibe das nur. Ich lache nicht. Ich nicke. Ich nicke noch mal. Vielleicht. Ich fühle mein Gesicht seit 30 Minuten nicht mehr. Moment. Seit 32 Minuten nicht mehr. 11:48 Uhr. Die Patientin stellt fest: Ich fühle mein Gesicht nicht mehr. Es handelt sich um eine phänomenologische Erscheinung. Sie assoziiert. Nein, Entschuldigung, dissoziiert. Das eine ist Kunst, das andere geht nicht weg.
12:37 h: Ich würde gerne jemandem erklären, wie es ist, das eigene Gesicht nicht zu fühlen und gleichzeitig zu wissen, dass das Quatsch ist. Ich hätte gerne etwas Schöneres als „Quatsch“ geschrieben, aber ich versuche leichtverständliche Worte zu benutzen. Für Dinge, die nicht mal ich verstehe.

2
Etwas zu verlieren heißt, etwas besessen zu haben. In meinem Fall heißt es: von etwas besessen gewesen* zu sein.
Das ist eine grammatikalische Unterscheidung (oder: Unentschiedenheit. Nein, das ist „Quatsch“, die Grammatik ist die einzige, die sich hier mal entscheiden kann.), das eine passiv, das andere aktiv. Das eine: 1 Opfer. Das andere: 1 life. Denken Sie da mal drüber nach, nehmen Sie mir das um Himmels Willen doch mal ab.
13:47 h: Das Herzrasen ist vom Denken. Interessant, dass Menschen das unterscheiden. Das Denken ist die eine Sache. Das Gefühl die andere, die keine Sache ist. Und das Gefühl sitzt im linken Brustbereich, klopf klopf, jemand zu Hause, das Herz ist da.
Ich habe das nie verstanden, wenn irgendwas unterhalb der HWS Gefühle macht, dann der Darm, vielleicht noch der Magen, aber lassen wir das. Das Knurren ist nicht meine Wut, das ist mein Hunger. Versteht hier irgendwer, dass das das Gleiche ist?

3
Das Gute an Unglück ist, dass man sich viele Vorstellungen von Glück machen kann. Ich habe zum Beispiel circa 4. Aber die sagt man nicht laut, das bringt Unglück. Haha, Witz verstanden? Nein? Ich auch nicht.

Ich tippe, weil ich nicht sprechen kann, ich tippe, weil ich nur raten kann. Ich rate, weil ich keine Sprache für diese Zeit spreche, keine Worte für diese Worte finde, keine Synonyme für Liebe, die keine (vgl. auch: meine, eine) ist, keine einfachen Texte und Bilder für den Film auf der Netzhaut, der die Bushaltestellenanzeigetafel im Grau eines Novembermorgens flackern ließ. Kaputter Code, dachte ich, und dass doch irgendwer das reparieren muss. Dass doch eigentlich Mai ist. Dass Vermissen eigentlich Grammatik ist: ich würde so gerne wissen, ob. Konjunktiv 1, eine Frau, eine Stadt, eine Netzhaut, ein bisschen unendlicher Leerlauf.

 

(An dieser Stelle ein trauriges Lied. Die Autorin lässt die freie Wahl, welches das sein möge. Die Empfehlung des Hauses: Hundreds – What remains.)

__

*Entschuldigung, das mit dem „gewesen“ kommt auf die Liste der Dinge, die man mal machen sollte. Wie auf den Oberschränken in der Küche putzen, das mit der Steuer, das mit dem Internet, das mit dem Ummelden und dem Ökostrom, Sie wissen schon.

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Eine Stadt, ein Herz, ein Leerlauf

Gewalt & Leidenschaft

Tür auf, Tür zu. Jahre habe ich mit dir verbracht. Das ging, weil ich einfach vergessen habe, was der Anfang war. Und dann, plötzlich, nach all der Zeit, erinnere ich mich, denn das mit dem Anfang habe ich geschafft, vergessen, Wort drauf, wie wir Geschichte schrieben, du in Gedanken, ich am Laptop, jedes Wort über dich, immer schon, Tick Tack, die Zeit hat uns neue Gesichter gemacht, Tür auf, ich hab so lange nicht an den Anfang gedacht, bis der Schluss es heute Nacht gemacht hat, Tür zu. 

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Gewalt & Leidenschaft

Wen die AfD wirklich hasst. Und was sie will.

afd hr interview reportage

 

Normalerweise geht es hier eher weniger um Politik und eher mehr um das Selbst (meint: mich) im Spiegel eben dieser (meint: mich). Aber wenn wir darüber sprechen, was mich betrifft, werden wir so oder so auch über die AfD sprechen müssen. Denn nicht nur meine Arbeit bei SPIEGEL ONLINE sondern auch mein privates Umfeld beschäftigt sich viel mit Fragen, die die AfD betreffen und den Umgang mit dieser „Partei“ und ihren Anhängern.

Jeder hat eine Meinung zur AfD und diese Meinungen sind selten bedacht und differenziert, sie sind wütend und sie haben die Sprache in den Sozialen Netzwerken verändert. Dabei: wissen wir eigentlich, was die AfD will? Und gibt es überhaupt „die AfD“, eine einheitliche, homogene Gruppe, die die gleichen Zielen hat?

Vielleicht hilft es, die Feindbilder der AfD kennenzulernen. Zu verstehen, wie ihre Rhetorik und ihre Manipulation (ja, genau jene, die sie anderen in weiser Offensive kollektiv vorwerfen) funktionieren. Vielleicht hilft es, das hier zu hören. Jede Sekunde davon, ohne vorzuspulen. Und daran zu denken, dass genau das gerade passiert. Hier, jetzt, genau in diesem Moment. Vielleicht können wir dann ohne Zynismus und ohne unsere so notwenig scheinende Distanz über die große Dialektik sprechen, die unser Alltag geworden ist: dass wir zur gleichen Zeit wissen, dass es diese Partei und ihre Anhänger gibt und wir starke Meinungen über sie haben – und im selben Augenblick verneinen, dass die Existenz solcher rechter Propaganda 2016 keine Rand- sondern durchaus eine Erscheinung aller Schichten geworden ist.

 „Wortreich weiß die AfD zu benennen, was sie nicht will, von wem und wovon sie sich verächtlich und angewidert abwenden möchte. Nämlich „vom links rot grün versifften 68er Deutschland“. Doch was soll das für ein Feindbild sein? Die 68er von einst sind heutzutage mindestens 68 Jahre alt und haben die Institutionen, durch die sie marschiert sind, längst verlassen. Mit ihren verbalen Attacken bewegt sich die Partei auf den Spuren eines Kulturkampfs, der bereits im 19. Jahrhunderts tobte, und dabei kommt ihr ein Feindbild von gestern gerade recht. Von gestern allerdings sind in diesem Kampf nur die Chiffren. Der Kampf selbst findet heute statt, und alle, die in der AfD keine Alternative für Deutschland sehen, sollten wissen, wofür und wogegen deren Anhänger kämpfen.“

Hier findet ihr die HR Reportage. Ein bisschen was über 50 Minuten. Hört jede Minute davon. Und dann lasst uns sprechen. 

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Wen die AfD wirklich hasst. Und was sie will.

Reiß dich mal zusammen!

Oberhöfen hamburg regen

 

Sprechen wir über Krebs. Das ist ja heute kein Tabu-Thema mehr. Obwohl ich sagen muss: ich finde ja, dass man mit Brustkrebs zum Beispiel nicht so hausieren gehen sollte. Manche schreiben ja sogar Bücher darüber. Ich denke: Wem es wirklich schlecht geht, der kann auch keine Bücher schreiben. Und sowieso: Das sollte man mit sich selber ausmachen. Ich meine: vielleicht hätten Menschen mir Brustkrebs ja auch mal was dagegen unternehmen können. Frühzeitig meine ich. Sport, gesunde Ernährung, sowas. Ich würde natürlich (!!1!) nie sagen, dass jemand mit Brustkrebs selber Schuld ist. Aber… naja. Schon komisch, dass das immer mehr und mehr Leute haben, oder? Ich finde ja, dass jeder mal einen schlechten Tag hat. Oder Schmerzen. Das bedeutet ja nicht gleich dass man Krebs hat, oder? Ich wäre sowieso vorsichtig damit, jemanden in meinem Freundeskreis zu haben, der Brustkrebs hat. Das stelle ich mir schon sehr, sehr anstrengend vor. Ich weiß nicht, ob ich damit umgehen könnte. Ich meine: immerhin sterben ja auch 15% an Brustkrebs. Das will man ja auch nicht miterleben. Und als Arbeitgeber wäre ich da auch zurückhaltend. Nachher kommt der Brustkrebs wieder und dann fällt mein Arbeitnehmer einfach so ein halbes Jahr aus. Und ganz ehrlich: in anderen Ländern kommt Brustkrebs auch nicht so oft vor. Vielleicht sind die einfach härter im Nehmen als wir. Ich denke, das ist auch viel so eine Kopfsache. Und klar ist das schlimm. Aber ernsthaft: vielleicht sind die Leute da halt auch selber Schuld. Jeder hat ja mal ein bisschen Krebs. Da muss man dann halt auch mal drüber stehen. Oder?

 

Wie findest du solche Aussagen? Wie wütend hat dich das gemacht? Findest du, dass ich ein unsensibles Arschloch bin? Und dass ich mich schämen sollte, so über Menschen zu reden, die an einer Krankheit leiden, die in 15 Prozent der Fälle tödlich endet? Dann lies noch mal genau:

 

Sprechen wir über Depressionen. Das ist ja heute kein Tabu-Thema mehr. Obwohl ich sagen muss: ich finde ja, dass man mit Depressionen zum Beispiel nicht so hausieren gehen sollte. Manche schreiben ja sogar Bücher darüber. Ich denke: Wem es wirklich schlecht geht, der kann auch keine Bücher schreiben. Und sowieso: Das sollte man mit sich selber ausmachen. Ich meine: vielleicht hätten Menschen mir Depressionen ja auch mal was dagegen unternehmen können. Frühzeitig meine ich. Sport, gesunde Ernährung, sowas. Ich würde natürlich (!!1!) nie sagen, dass jemand mit Depressionen selber Schuld ist. Aber… naja. Schon komisch, dass das immer mehr und mehr Leute haben, oder? Ich finde ja, dass jeder mal einen schlechten Tag hat. Oder Schmerzen. Das bedeutet ja nicht gleich dass man Depressionen hat, oder? Ich wäre sowieso vorsichtig damit, jemanden in meinem Freundeskreis zu haben, der Depressionen hat. Das stelle ich mir schon sehr, sehr anstrengend vor. Ich weiß nicht, ob ich damit umgehen könnte. Ich meine: immerhin sterben ja auch 15% an Depressionen. Das will man ja auch nicht miterleben. Und als Arbeitgeber wäre ich da auch zurückhaltend. Nachher kommt die Depression wieder und dann fällt mein Arbeitnehmer einfach so ein halbes Jahr aus. Und ganz ehrlich: in anderen Ländern kommen Depressionen auch nicht so oft vor. Vielleicht sind die einfach härter im Nehmen als wir. Ich denke, das ist auch viel so eine Kopfsache. Und klar ist das schlimm. Aber ernsthaft: vielleicht sind die Leute da halt auch selber Schuld. Jeder hat ja mal ein bisschen „Depressionen„. Da muss man dann halt auch mal drüber stehen. Oder?

 


Du denkst jetzt vielleicht: das ist ja wohl etwas völlig anderes. Depressionen und Krebs kann man ja wohl nicht vergleichen. Kann man nicht?

Kann man doch.

15 Prozent aller Depressionen (niedrig geschätzt und ohne Komorbiditäten) enden tödlich. Genau so viele Frauen und Männer sterben im Schnitt in Deutschland an Brustkrebs, beziehungsweise überleben ca. 85 % aller Betroffenen diese Krebsart.

Noch immer hält sich der Glaube, dass psychische Erkrankungen ein „Fehler“ oder eine „Schuld“ des Erkrankten sind oder aber nicht körperlich, das heißt: nicht physisch.

Bei Depressionen ist der Hirnstoffwechsel aus dem Lot geraten. Die Botenstoffe Serotonin und / oder Noradrenalin liegen nicht mehr in der optimalen Konzentration vor. Sie dienen der Kommunikation zwischen den Nervenzellen, helfen uns zum Beispiel Sinneseindrücke zu verarbeiten. Ist das Gleichgewicht dieser Botenstoffe gestört, können die Impulse zwischen den Hirnzellen nicht mehr richtig übertragen werden. Das schlägt sich in den Gefühlen und Gedanken des Betroffenen nieder.

(Apotheken Umschau 15.09.2014)

Das ist eigentlich auch ziemlich logisch, denn wie sollten sonst Anti-Depressiva wirken? Durch magische Lichtenergie? Eben.

Trotzdem sprechen Menschen noch immer über Depressionen und andere psychische Erkrankungen, als sei das Leiden daran ein anderes, ein minderwertigeres, als es jenes ist, das Betroffene von Krankheiten wie Krebs, MS, Diabetes oder auch nur einem gebrochenen Bein durchleiden.

Vielleicht hilft das Lesen des Textes in beiden Versionen zu verstehen, dass wir noch immer anders werten. Dass wir überhaupt werten und Leid vergleichen. Aber so sicher, wie die Tatsache ist, dass das eigene Leid immer auch das sich am schlimmsten darstellende ist, so sicher ist auch, dass wir Leid weder klassifizieren, noch werten, noch unterschiedlich bewerten dürfen. So lange wir das tun, wird Depression und werden psychische Erkrankungen ein Tabu bleiben. Selbst, wenn wir noch so tolerant und offen tun. Denn selbst mir ist beim Schreiben dieser Zeilen ein bisschen schlecht geworden. Und ich habe mich bei jedem Satz gehasst. Weil auch ich dachte: Das kann man ja wohl nicht vergleichen! Ich musste sehr oft nachlesen, ob die Zahlen wirklich so stimmen. Und ich freue mich über einen Dialog zu diesem Thema. Denn es ist und bleibt ein sehr schwieriges, sensibles Feld. (Womit ich meine: kein Grund, mich anzuhassen – ich schwöre, mit mir kann man auch ganz normal sprechen.)

tl;dr: Ich finde, dass das eine zu einem Tabu gemacht wird (psychische Erkrankungen) und das andere nicht (körperliche Erkrankungen). Dabei geht es nicht um Krebs vs. Depression. Sondern um die Bewertung von „körperlichen“ Krankheiten und „psychischen Krankheiten“.

 

 

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Reiß dich mal zusammen!

Scheiß Frühling

Irgendwann mach´ ich das mit diesem Leben. Ich fange mit der Wäsche an und mit der richtigen Temperatur und wenn die Wäsche fertig ist, ziehe ich sie aus der Trommel (ich zerre nicht, ich zerre auf gar keinen Fall daran) und dann hänge ich die Wäsche auf und zwar sofort. Ich vergesse sie nicht, ich ignoriere sie nicht, ich schlafe nicht trotzdem ein. Die Socken zu den Socken, die Höschen, der ganze Rest. Ich hänge auf, was zusammengehört und zwei Tage später falte ich alles sorgsam auf und lege es an die Plätze, an denen die Kleidungskategorien passen. Hier wird nicht gestopft, hier wird sowas von gefaltet und gelegt.

Irgendwann mach´ ich das. Ich mache weiter mit dem Tee-Trinken und höre auf mit Kaffee, Wodka, Wein und Getränken mit Zusatzstoffen. Ich mache mir einen Tee und freue mich darüber und ich denke nicht daran, dass das bloß Aroma und Zeug in heißem Wasser ist und wie alt die Leitung, aus der das Wasser kommt und wer den Wasserkocher saubergemacht hat, wenn nicht ich und wenn ich es tatsächlich nicht war, dann ja wohl keiner – Wasser und Tee, tolle Sache, ganz, ganz tolle Sache.

Irgendwann hör´ ich auf, mir selber Strafzettel zu schreiben: hier wieder zu schnell gewesen, hier wieder zu viel, hier wieder alles aufgehalten, nicht aufgeräumt, nicht sauber gemacht, nicht abgeschminkt, nicht nett gewesen, nicht Danke gesagt, nicht zurückgerufen, schon wieder nicht zurückgerufen, Termin verpasst, nicht angerufen, zu viel getrunken, zu wenig gegessen, wieder nur Mist gegessen, nicht gestaubsaugt, zu spät gekommen, nicht angerufen, nicht auf die Nachricht geantwortet, nur auf die Nachricht geantwortet, weil man sehen kann, dass sie gelesen wurde, Ausrede erfunden, gelogen, nicht zurückgerufen, zu spät im Bett, zu wenig geschlafen, zu weit gegangen, nicht genug Mut gehabt, zu viele Wiederholungen, zu viele Wiederholungen, zu viele Wiederholungen.

Himmel über Hamburg

Irgendwann fang´ ich an, mir Gedanken über die Zukunft zu machen, aber erstmal rückwärts gewandt, weil man ja so damit anfängt, erstmal gucken nach den Falten, dann die Monate bis zum nächsten Geburtstag zählen und irgendwas mit Angst vor Krebs. Vielleicht schütte ich den Tee dann weg, so ein langweiliges Getränk, sowas will ich nicht und dann ist da diese Pointe, ein schöner Gedanke, den man sich gut erzählen kann: Ist doch alles ok, ist doch super, wie du bist, schriebe sich auch gut: Irgendwann fang ich an, mich selber zu mögen, schöner letzter Satz, Kussi, K.

Ich fang´ an, den Frühling vor dem Fenster zu sehen, bloß eine Änderung des Lichts, ich frage mich, ob man wohl auch umsonst warten kann und an diesen Song, an ein Gefühl, morgen nehme ich den Müll mit runter, nächste Woche den Tannenbaum entsorgen und bis zum Sommer sind es noch ein paar Monate, nur noch ein Moment, in dem ich wieder auf den Winter warten werde und dass der scheiß Frühling dann bald beginnt.

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Scheiß Frühling

Ich habe ADHS und vielleicht ist das gut so

Stell dir vor, du wachst eines morgens auf und alles ist irgendwie anders – du siehst zwar noch gleich aus, du gehst zur gleichen Arbeit und wohnst in der gleichen Wohnung, aber irgendwie fühlt sich nichts so an wie vorher. – So habe ich versucht, anderen zu erklären, was gerade in meinem Leben passiert.

 Ich habe in den letzten Jahren darüber geschrieben und gesprochen, wie es ist, depressiv zu sein. Ich habe ein Buch darüber geschrieben und war damit eine der ersten in Deutschland, die einen bekannten Blog darüber geführt haben und einen Roman darüber schrieben. Menschen wie Eva Lohmann, Tobi Katze und vielen anderen ist es zu verdanken, dass wir heute so offen mit diesem Thema umgehen.

Und ich habe Glück gehabt: In dieser ganzen Zeit, in all den Jahren, musste ich mich wenig rechtfertigen, wenig verstecken für diesen Schritt. Es gab arge Situationen, ja. In Vorstellungsgesprächen, in denen ich erklären musste, dass ich nicht einfach ein halbes Jahr krank werde. Oder in Jobs, in denen ich mich rechtfertigen musste, warum ich ein paar Wochen mit Grippe und Fieber im Bett lag – und dass das nichts mit meiner Psyche zu tun hatte. Aber eigentlich habe ich unglaublich viel Glück gehabt, weil ich in einem Bereich arbeite, in dem psychische Erkrankungen nicht nur Thema sind, sondern auch auf Verständnis und Akzeptanz treffen.

Du bist jetzt eine Borderlinerin, herzlichen Glückwunsch.

Dass „irgendwas mit mir nicht stimmt“, denke ich, seit ich denken kann. Ich kann die Verweise, die Rausschmisse und Verwarnungen in meiner Schulzeit nicht zählen. Ich bin von Schulen geflogen, hab es gerade so durchs Abitur geschafft und mein Studium abgebrochen. Und das trotz, und jetzt kommt das schlimme Wort, einer Hochbegabung. Und nein, an dieser Stelle werde ich darauf nicht weiter eingehen, das hat Meike schon ganz wunderbar in „ALIEN NATION“ getan und ich habe die Reaktionen darauf verfolgt und gesehen, wie eklig das alles werden kann (Danke, danke, danke noch mal Meike, dass du das alles aufgeschrieben hast <3 ).

Kurzum: Was folgte, ist bekannt. Chaos, Krisen, Depressionen, aufstehen, weitermachen, Diagnosen, Kliniken, Jobs, Bücher, weitermachen. Das „Tolle“ ist ja, dass man dann doch immer irgendwie funktioniert. Auch, wenn genau das eigentlich das Schlimmste ist. Aber aufgeben gilt nicht und Krankheit ist nicht Charakter, also weiter.

Weil ich eine Frau bin und einfach nicht „gesund“ werden wollte, immer wieder in Krisen stürzte, hatte ich eben irgendwann „Borderline“. Obwohl auf mich die meiste Zeit nicht mal 4 von 9 Kriterien zutrafen und mindestens 5 nötig sind: Borderline. Also war ich eben mit 28 plötzlich Borderlinerin. Ich fand mich fortan nun in Borderline-Therapien wieder. Ich war nicht mehr nur depressiv, sondern jetzt auch Borderlinerin. Wenn ich meine Diagnose anzweifelte: Typisch Borderline. Selbst mein Hinweisen darauf, dass ich nach dem DSM-IV doch gar nicht als solche gelte: Distanzierung zur Diagnose – typisch Borderline. Dass mich selbst die anderen Borderliner als fremd und „anders“ wahrnahmen: egal. Irgendwann arrangierte ich mich damit. Dann war ich eben Borderlinerin. Mir egal. Ich wäre alles gewesen, Hauptsache, mir geht es besser. Dabei ging es mir nicht darum, die Krankheit schlecht zu reden (und auch jetzt nicht). Im Gegensatz zu den wirklich beschissenen Sachen, die ich über Menschen mit Borderline gehört und gelesen habe, habe ich fast durchweg unglaublich sensible, tolle, hochemotionale und kluge Menschen mit dieser Krankheit getroffen, die mich alle sehr beeindruckt haben. Mein Problem war nicht, dass ich nicht sein wollte wie sie, sondern, dass ich wusste, dass ich es nicht bin.

Irgendwas stimmt nicht

Ich habe trotzdem meine Medikamente genommen. Natürlich. Die Antidepressiva. Die Neuroleptika. Den ganzen anderen Kram. Ich habe eine DBT basierte Therapie-Gruppe besucht und unglaublich viel gelernt dabei. Das Problem: Es ging mir nicht besser. Was ich damit meine?

Ich kann mich nicht entspannen. Mein Kopf brennt, ist ein Hochleistungsofen, immer an, immer auf achttausend. Ich kann mich schwer konzentrieren, ich verlaufe mich in Gedanken, ich habe achtzig Ebenen Gedanken-Brei gleichzeitig in meinem Kopf. Immer an, nie aus. In mir ist Chaos. Gutes Chaos, weil ich daraus viel schöpfen kann, aber auch schlimmes Chaos, weil es mich erschöpft.

Ich kann nicht stillsitzen und mein Kopf kann es auch nicht. Meine Gedanken sind manchmal schneller als meine Gedanken. Und ich könnte jetzt noch lange so weiterschreiben – darüber, wie es sich anfühlt, eine Starkstromleitung im Kopf zu haben. Ständig zu denken und nie aufhören zu können. Sich zu verlaufen im eigenen Kopf, mit Kleinigkeiten überfordert zu sein, aber absurd komplexe Dinge gleichzeitig lösen zu können. So geht es mir, seit ich denken kann. Und irgendwann vor ein paar Monaten hätte ich meinen Kopf am liebsten nur noch gegen eine Wand geschlagen, wollte nur noch Ruhe, konnte aber keine finden. Und um das Ganze abzukürzen: Nach sehr qualvollen Monaten und einigen nicht sehr schönen Versuchen, mir selber Linderung zu verschaffen, habe ich mich schließlich endlich doch testen lassen. Und zwar auf ADHS.

Tata, neues Leben. Oder so.

Ich habe eine ganz wunderbare Diagnostikerin gefunden, die spezialisiert ist auf die Diagnose von ADHS auch bei Erwachsenen. Das vage Gefühl, die leise Vermutung, die ich immer hatte, sie stimmte. Ich bin ein Erwachsener mit ADHS. Was als Jugendliche nur vermutet, aber nie verfolgt wurde (Kleinstadt, die 90er, da ist das Kind eben nervig, zu klug, zu laut, zu schnell, zu irgendwas), ist nun getestet und diagnostiziert und zum ersten Mal in meinem Leben habe ich das Gefühl, eine Diagnose zu haben, die keine Krankheit ist. Die zwar natürlich eine ist und der Medikation bedarf und der Behandlung, aber die sich nicht mehr wie etwas anfühlt, das sich fremd und furchtbar auf mich legt und das doch gar nichts mit mir zu tun hat.

Ich erfahre nun nach und nach, warum all diese Dinge so sind, wie sie sind. Warum ADHS bei Frauen so spät erkannt wird. Warum es unbehandelt zu Depressionen, Suchterkrankungen und allerlei anderem führt. Wie ein Leben damit funktionieren kann. Und aber auch ganz langsam, nach und nach, wie MEIN Leben damit funktionieren kann.

Ich war jetzt die Hälfte meines Lebens auf der Suche nach der Erklärung für die Gründe, warum ich mich fühle, wie ich mich fühle. Warum mein Verstand funktioniert, wie er es nun einmal tut. Ich bin nun angekommen und ja, ich nehme Ritalin. Und es ermöglicht mir zum ersten Mal, so etwas wie Ruhe zu empfinden. Ich kann plötzlich schlafen. Und stundenlang lesen. Ich habe wieder Momente, in denen sich mein Leben wie eines anfühlt.

Hier soll es künftig nicht darum gehen. Es gibt Menschen und Orte in diesem Internet, die sich so viel besser mit ADHS, Hochbegabung und Hochintelligenz auskennen. Aber vielleicht wird es hier nun dann und wann auch mal darum gehen, dass das Leben doch gar nicht nur ein wildes Meer ist. Sondern vielleicht dann und wann aus der Ahnung einer Insel tatsächlich auf den allerallerletzten Metern Kraft und mit scheiß viel Salz und Tränen in den Augen Strand wird und Ruhe und ein klitzekleinesbisschenminihoffnung.

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Links:

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Kommentar bei Facebook von Mone, der, wie ich finde, hier ganz dringend und unbedingt noch hingehört:

same same same
und adhs ist das, was einen nicht schweigen lässt, weil trotzdem alles rauspurzelt durch eine überdünne membran
und adhs ist das, was einen schreiben lässt, weil trotzdem alles rauspurzelt durch eine überdünne membran
und adhs ist das, was einen dennoch verwunderlich lebendig und überassoziativ wirken lässt (fast borderlinig psychotisch), weil trotzdem alles rauspurzelt durch eine überdünne membran
und adhs ist das, in verbindung mit hochbegabung und stimmungsschwere
was jeden tag zu einem kindergeburtstag macht für eine weise alte oma
(weil trotzdem alles rumpurzelt
und eine überdünne membran)
different different different

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Ich habe ADHS und vielleicht ist das gut so

Zu dir oder zu mir? Keine Ahnung, wir sind doch beide falsch hier

Ich wünsche mir ein Herz, das nicht wahllos brennt. Einmal atmen, einmal denken, einen Moment. Ich wünsche mir, dass mein Toastbrot meine Stimmung zeigt, dass Morgens schon Kaffee da ist, wenn ich wach werde, ich wünsche mir einen Soundtrack von jemand anderem gemacht, Titel: Ich glaube das bist du. und ich schäme mich dann nicht. Continue reading „Zu dir oder zu mir? Keine Ahnung, wir sind doch beide falsch hier“

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Zu dir oder zu mir? Keine Ahnung, wir sind doch beide falsch hier