Weil ich es nicht fassen kann, dass ich es nicht lassen kann (I)

weil wir uns nicht mehr haben jasmin hollatz

1

Du liegst da so. „So?“ fragst du und drehst dich weg. Das ist das Liegen, das genau „so“ ist. Ein Liegen, das wie Wegdrehen ist nach einem Streit und einem „Verzeihung, es war nicht so gemeint“, das genau so gemeint war. Das ist das „so“ dieser Tage, an denen am Ende alles immer irgendwie „so“ gerade noch klappt. Eine Auflistung der Dinge, die gerade noch so hinhauen. Schlafen (irgendwie). Essen (irgendwas). Trinken (alles, schnell, viel). Manchmal jemanden grüßen (keinen), manchmal jemanden treffen (keinen), eine Ahnung davon haben, was noch so möglich wäre (keine).

2

Eine Liebe müsste es geben, in der das Telefon klingelt, wenn du nachts durch die Straßen läufst und frierst und einsam bist und dich ein bisschen ekelig fühlst und ein bisschen so, als würde niemand an dich denken, was vermutlich auch niemand tut, denn es ist ja schon halb vier am Morgen und da denkt doch keiner und wenn sie denken, dann doch nicht an dich, das wäre ja auch noch schöner. Und genau in einem dieser Momente klingelt dein Telefon und jemand sagt: Ich weiß, es ist verrückt, dass ich gerade an dich denke, denn es ist ja halb vier am Morgen und da denkt doch keiner und erst recht nicht an dich, aber guck mal an, macht ja doch einer und zwar ich, Überraschung.

Eine Liebe müsste es geben, in der nachts jemand vor deiner Haustür steht und sagt: Nur die Spinner in den Filmen klingeln nachts an Türen, weil das ein bisschen dramatisch ist und ein bisschen romantisch und das mögen die Menschen ja, wenn es so ist, wie sie das in ihrem eigenen Leben nicht haben, weil da immer nur der DHL Mann klingelt, morgens, um acht, und sie sich ein bisschen schämen, weil sie noch gar nicht geduscht sind und auch noch nicht die Zähne geputzt haben. Und wenn er später klingelt, so gegen 11, weil ja sonst niemand im Haus die Tür geöffnet hat, dann schämen sie sich ja noch mehr, weil sie ganz alleine zuhause sind, während alle einer Sozialversicherungspflichtigen Beschäftigung nachgehen und nur sie öffnen noch die Tür. Aber ich klingle nachts bei dir, weil dann die Ungeheuer über dir toben und die Stimmen ganz laut sind und der Mut ganz leise und genau dann stehe ich vor deiner Tür und lege meinen Kopf an deinen Hals und atme ein und atme aus und warte ab, was passiert und dann legen wir uns in dein Bett und sagen einfach mal gar nichts, weil das unsere Vorstellung von Romantik ist: einfach mal den Mund halten.

Eine Liebe müsste es geben, in der sich jemand mit dir die Tabletten teilt, eine für dich, zwei für mich, schau mal, wie leicht das plötzlich ist.

3

Sie sagt, dass alles zerfließt, wenn sie es berührt. Sie sagt: keine Grenzen, nur Maschinengewehre im Kopf und ein Krampf im Herzen, ein Stolpern durch Januar-Tage. Sie sagt: ich bin so müde, ich kann nicht schlafen, so müde bin ich und wach kann ich auch nicht sein und jemand hat einen Berg auf meine Brust gesetzt, einfach so, irgendwann in der Nacht. Und natürlich kann man einen Berg, der einem auf der Brust sitzt, nicht besteigen, sondern nur bestaunen. Aber was macht man mit so einem Berg, wenn der nicht weggeht und was macht man mit einem Leben, das weitergeht und mit der Müdigkeit, die nicht aufhört. Was macht man denn dann, was macht man denn dann, was macht man denn bloß damit. Sie sagt: Ich sage immer, keine Sorge, mir gehts gut. Sie sagt, dass das nicht gelogen ist, sondern nur das Verschweigen von Dingen, die, falls „gut“ dem Zustand eines vollgeladenen Akkus gliche, abgezogen werden von „gut“ und dann nicht so viel übrig bleibt. Muss aber ja keiner wissen, wer will das schon hören. Sagt sie und lacht dabei. Sie sagt: Wie machen die anderen das nur mit diesem Leben? Sie schaut dann hoch und sich selber ins Gesicht, schaut in das Skype-Bild und sieht sich selber beim Sagen und Fragen zu, beim Beantworten von nie-gestellten Fragen.

4

Wie machen die anderen das nur mit diesem Leben? Wenn sie sagen: Ich gehe heute Abend nach Hause und in die Badewanne. Dann koche ich mir etwas Leckeres und trinke ein Glas Rotwein und dann schlafe ich. Warum ist nur bei ihr damit gemeint: Ich gehe nach Hause, trinke eine Flasche Rotwein und heule nachts auf meine Tastatur, weil ich es nicht lassen kann, dass ich es nicht fassen kann, dass ich es nicht lassen kann, dir zu schreiben.

16 Gedanken zu „Weil ich es nicht fassen kann, dass ich es nicht lassen kann (I)

  1. Candy Bukowski

    ach so: und ich lese gerade Dein Buch „Drüberleben“. Gefällt mir sehr. In Teilen haben wir unterschiedliche Erfahrungen gemacht, aber es bringt vieles auf den Punkt, vieles aus dem Scheiß Stigma und vor manchen Sätzen möchte ich niederknien 🙂 Alles Gute!

  2. Verena

    Bin gerade durch Zufall hier gelandet, kenne diese Seite nicht, weiß nicht worum es geht, habe angefangen, diesen Text zu lesen und konnte nicht mehr aufhören, war wie gefesselt und bin nun still beeindruckt.
    Ich werde wiederkommen und mich hier umschauen.

    Verena

  3. sandrabrockmann83

    Weil ich es nicht fassen kann das ich es nicht lassen kann immer wieder deinen Text zu lesen schreibe ich diesen Kommentar indem ich erwähnen möchte deine Worte sind so wahr. Und wenn es so jemanden gaebe der all dies tut wäre es für mich ein Engel denn ein normal sterblicher dem ist es doch unmöglich dazusein stets im passenden Moment. Also bin ich es die nun ein wenig an dich denkt und sich somit von ihrem eigenen Leid ablenkt da meine Aufmerksamkeit zu deinen Zeilen schwenkt und wenn ich das so recht bedenk dann bist du auch ein Engel einer jedoch leider der sich selbst nicht kennt denn lass dir gesagt sein und ich selbst schaff das nicht wir alle sind nur Menschen keiner von uns ist so richtig dicht doch wenn du dein Bedürfnis kennst und es dir selbst erfüllen kannst dann wird aus dir ein super wicht zu schreiben ganz einfach und schlicht doch Umsetzung ist hart das ist was ich dir sag mit meinem Rat.

  4. gend

    und du? würdest du denn all das tun? ich kenne dich nicht, aber du möchtest anscheinend einen absolut stabilen menschen, der immer dann, wenn du traurig bist, plötzlich da ist. kann es sein, dass es diesen menschen anfangs oft gegeben hat, aber dass dies nach und nach sein ende nahm, weil es eben doch nicht so einfach ist, weil so ein mensch auch einmal so einen anruf braucht, so einen „hey, es ist vier uhr nachts, aber ich liebe dich zu sehr, um darauf acht zu geben.“

    vielleicht lasse ich gerade frust an dir aus, den du nicht verdient hast. aber du sprichst ja von selbstreflektion. nur war ich genau dieser typ, weißt du? ich rief an, und irgendwann war es nicht mehr nötig und plötzlich wurde ich unnötig und erst dann wieder, als die laune eben dieser frauen wieder sank. und es zerriss mich, also hörte ich auf und plötzlich hieß es, andere menschen seien so viel besser darin, usw.

    ich wünsche dir, dass du die richtige person findest, oder sie dich.

  5. Sofasophia

    ich kann es nicht fassen, wie exakt du beschreibst, was ich in der letzten zeit so intensiv erlebe. vor allem der dritte text – das bin ich. und irgendwie tröstet ja schon, zu wissen, dass andere auch …
    seit ich dein buch gelesen habe, traue ich mich mehr, zu sein wie ich bin.
    danke!