Aus diesem Leben kommen wir nie mehr wieder raus.

1

An dieser Straßenecke war ich für einen Moment der traurigste Mensch der Welt, versprochen. Nie kann jemand dort trauriger gewesen sein, als ich. Wenn ich mit dem Bus dort vorbeifahre, stelle ich mir vor, wie dort ein Denkmal für mich errichtet wird. Auf dem steht: hier hat der traurigste Mensch der Welt für dich geweint.

2

Wie gefällt dir dieser Gedanke: jemand weint um dich. Ich glaube, die Antwort verrät ziemlich viel über jemanden. Findest du das schön? Findest du es traurig? Sammelst du Tränen, wie du Unterwäsche sammelst? Und Haarnadeln, die sie in deinem Bett verloren haben? Und Momente, die jemand mit dir geteilt hat, der noch gar nicht wusste, dass du gar nichts teilen kannst, das dir nicht gehört.

3

Unsere Stadt ist aus Klebstoff. Überall haben wir unsere Namen mit einer Berührung festgeklebt. Hier haben wir dümmlich gelacht und dort noch dümmer geweint über das Dümmste der Welt: uns zwei. Hier haben wir getanzt und hier haben wir getrunken, dort drüben stand dein Fahrrad, ich weiß es noch genau. In diesem Bett haben wir uns kennengelernt und in diesem haben wir uns verloren. An dieser Laterne hast du etwas versprochen und an allen anderen alles wieder gebrochen. Aus diesem Fenster hast du nur zugesehen, als ich gegangen bin. Aus diesem Leben kommen wir nie wieder raus.

4

Manchmal, sagen sie, ist für immer nur bis heute Nacht. Manchmal, sagen sie, ist das auch gut so. Manchmal, sage ich, ist das schlimmste Vielleicht von allen. Wir stoßen dann an, auf die Liebe und die Wahrheit, und lachen dabei ein bisschen zynisch und ein bisschen böse, weil es das ja gar nicht mehr gibt, die Liebe und die Wahrheit (sagen wir) und wir das auch gar nicht brauchen würden, obschon wir wissen, dass wir überhaupt gar nichts mehr brauchen, als das. Aber die Nacht, aber die Gesichter, aber das Leuchten der Gläser – darin ertränken wir uns, bis wir gar nichts mehr fühlen und gar nichts mehr wissen, denn alles ist ja besser, denn alles ist ja zu ertragen, das nicht die Wahrheit ist und nicht die Liebe, das nicht dein Gesicht ist und deine Hand, die hält, was unser Schweigen mal versprochen hat in Nächten wie diesen. Und versprochen, mein Herz, diese Liebe ist die größte Wahrheit von allen.

 

5 Gedanken zu „Aus diesem Leben kommen wir nie mehr wieder raus.

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  2. chSchlesinger

    Würde die Überschrift stimmen, hätte ich mein Leben falsch gelebt. Korrekt muss es wohl heißen: „Aus diesem Leben komme ICH nie mehr wieder raus.“ Es sei denn, man bezeichnet mit dem „wir“ all die Beziehungsopfer, welche im Netz nach anderen traurigsten Menschen der Welt fahnden, um gemeinsam zu weinen für Beziehungstäter, die längst in neuen Leben an neuen Ecken neue Versprechen tätigen. Aber selbst dann wären zumindest späte Leser vielleicht hinters Licht geführt. Wenn nämlich der ehemals traurigste Mensch der Welt seit Monaten anders gestimmt ist durch andere Lieder in anderen Beziehungen. „Aus diesem Leben kommt IHR nie mehr wieder raus“, lautet dann wohl die eigentliche Überschrift. Weswegen gerade im Business der Gefühle selten ein Werk lange bleibt in den Hitparaden. Dennoch, über einen großen Beziehungsroman von Dir würde ich mich sehr, sehr freuen. „Drüberleben“ lässt sich ja leider nur bedingt verallgemeinern. Aber Dein Beziehungsroman wird mir jeden beliebigen Passanten zuverlässig aufschlüsseln, glaube ich. „Und? Morgen weinst Du um einen anderen!“