Jemand müsste da sein, der dich sieht.

Jemand müsste da sein, der dich sieht. Jemand müsste an deinem Bett stehen und sagen “aufstehen” und dir einen Kaffee bringen und dir über die müden Augen streichen, ganz leicht, gerade so, dass du weißt: hier ist also jemand, den es kümmert.

Jemand müsste dich sehen, während du aufstehst, rausgehst, durchdrehst, jemand müsste da sein und sagen: Das bekommen wir schon hin.

Jemand müsste zuschauen, wenn du im Bus sitzt, du und die Musik, du und der Kaffee, du und der Tag, der jetzt schon verschwimmt. Jemand müsste dann neben dir sitzen und sagen: Da draußen taumeln und fallen doch alle, schau mal, wie sie sich beeilen, sich die Zeit zu vertreiben, die sie am Ende dann beklagen, weil sie immer zu wenig ist, die verdammte Zeit und wenn man sie mal hat, dann ist sie zu viel und jetzt trink deinen Kaffee aus und trink deinen Fruchtsaft aus biologisch-ökologisch-dynamischen-Anbau und steig aus, die nächste Haltestelle, du weißt schon und dann holtst du Luft und dann holtst du die Zigaretten aus der Tasche und atmest den Rauch deiner eigenen Idiotie ein und dann lachst du gefälligst, dann lachst du bis du keine Luft mehr bekommst.

Jemand müsste da sein, in den Nächten, wenn du trinkst und tanzt und fällst und schubst und dich bewegst wie jemand, der eine Ahnung hat von dem, was er da tut. Jemand müsste dich dann küssen und dir sagen, dass er dich mag, hörst du, dass er dich wirklich mag, auch mit nassen Haaren und Pickeln und Angst.

Jemand müsste da sein, wenn du nachts alleine in deinem Bett liegst und den Stimmen lauschst, den Ungeheuern und Monstern, dem Pochen deines Herzens. Jemand müsste dann da sein und dir sagen, dass du kämpfen musst und dass das nicht “siegen” bedeutet, aber “versuchen” und die, die es nicht mal versuchen, sind die, die immer verlieren.

Jemand müsste da sein, der klatscht, wenn du heulst, der für dich schreit, wenn du lachst, der für dich die Konsequenzen und die Schuld übernimmt, der sagt: So nicht und so auch nicht, aber so, das wäre doch eine Möglichkeit.

Jemand müsste da sein, der dich fängt, wenn du dich mal wieder zu schnell drehst, der löscht, was du anzündest, der abbrennt, was du ertränkst, der dich liebt und das auch so meint, der für dich tötet und für dich schreit, der dich liebt, der dich liebt und der dich sieht, der seinen Kopf in deinen Schoß legt und deinen ganz einnimmt, der dein Herz und deinen Bauch besinnungslos besinnt.

7 Gedanken zu „Jemand müsste da sein, der dich sieht.

  1. chSchlesinger

    Lukas wird im „Weißen Rauschen“ aus dem Rhein gezogen durch eine Truppe von Aussteigern, welche offenbar die Utopie leben wollen, niemanden, aber auch wirklich niemanden auszugrenzen. So wie Ende der 1960er in Kommunen Klotüren ausgehängt wurden und keiner alleine auf die Straße sollte. Sie nehmen den paranoid schizophrenen Lukas also mit nach Spanien. Selbst als Lukas ihnen auf die Wäsche pinkelt und alle während eines Festmahls feindselig anstiert, üben sie eiserne Disziplin. Bemerkenswert dann allerdings, dass Lukas am Meer im „weißen Rauschen“ schließlich alleine zurück bleiben will, obwohl die anderen durchaus noch bereit waren weiter mit ihm zu reisen: „Wer nimmt Lukas?“ Mittlerweile bin ich jedenfalls längst so weit, mich anderen nicht mehr zumuten zu wollen. Sollte Morgen eine Hirnblutung dafür sorgen, dass ich keine Schleife mehr alleine hinbekomme, darf meine Frau mich gerne irgendwo in Pflege geben. Und wenn sie das Leben dann einfach weitergehen lässt wäre ich der Letzte, der sie bei ihrem Eheversprechen nimmt. Unter Menschen empfinden wir das Fehlen von Menschen als klares Minus. Aber so alleine mit uns am Meer oder auf einem „Zauberberg“ kehrt vielleicht dann doch langsam Frieden ein.

  2. Sofasophia

    jemand – ich wünsch dir und mir, dass dieser jemand eines tages ich mir selbst sein kann. noch brauche ich „andere jemand“ – aber das darf.
    ich danke dir für diesen bedrückend-sehnsüchtigen text!

  3. Lila

    Hat dies auf Lila Kolumne rebloggt und kommentierte:
    Ich habe schon lange nicht mehr solche Worte gelesen, die mir direkt ins Herz gingen. Aber wahrscheinlich sollte ich einfach öfters bei Kathrin Weßling vorbei schauen, wenn ich berührt werden möchte. Kommt ihr mit?