Perpetuum mobile

1

Du sagst, dass ich so wild sei, so eine, die gerne spielt und tanzt und trinkt und lacht und sich keine Gedanken darüber macht, so eine sei ich ja und hübsch noch dazu, ein bisschen verrückt, ein bisschen Kamikaze-im-Kopf, wenn der Regen fällt, eine, die heult und sagt, dass ihr das gar nichts ausmacht.

Du sagst: du kannst so schön traurig gucken, als würde es auf dich regnen, wenn alle anderen ihre verpassten Chancen in den Himmel spucken.

2

Du sagst „So eine wie dich hab ich nie gesucht, aber netter Versuch“ und bewegst die Lippen dabei nicht, aber dein Gesicht, das sich an meines lehnt und von den Dingen spricht, vor denen wir Angst haben, weil wir ja überhaupt gar nichts mehr wagen, während wir ständig so tun, als hätten wir überhaupt keine Zeit, mein Telefon klingelt, ich hab mich so beeilt, wo sind die anderen bloß, wo ist die Party und was ist dein Stundenlohn, wann sehen wir uns, komm, wir trinken noch mehr, lass uns doch weitergehen, ich kann nicht mehr.

3

Wir spielen mit Worten über die Liebe, als hätten wir Ahnung von ihr, hast du den gerade gesehen, ich habe keine Nummer von dir, das war doch nur Sex, oder nicht, das war wirklich schön, vergiss mich nicht. Wir lehnen uns zurück und shoppen Frühlingsgefühle wie Eintagsfliegen: das waren schöne vierundzwanzig Stunden, aber ich muss jetzt leider gehen.

4

In meinen Augen dreht sich ein Perpetuum mobile, ein ewiges Kreisen um jedes Wir, das das Ich mal gewesen ist und du sagst, du bist so eine, die alles hinter sich lassen kann, wenn sie nur will, scheiß doch auf alle, scheiß doch auf das Gefühl, dass sich alles immer nur in Schleifen dreht, wenn du wirklich kämpfst, kannst du doch sein, was du willst. Du sagst, man muss immer weiterziehen, du weißt, was ich meine, du bist doch auch genau so eine und ich stehe auf und denke, schade, bei dir wäre ich gerne geblieben, während ich die Tür zuziehe und nach Hause gehe.

3 Gedanken zu „Perpetuum mobile

  1. chschlesinger

    Mich lassen solche Texte immer etwas ratlos zurück. Ist das jetzt für den Samstagabend, zum Mitgrölen beim Popkonzert, oder ist das schon die Morgenandacht am Sonntag? Ein Text also, mit dem man zwar im Berufsverkehr auch niemandem kommen würde, den man aber durchaus beim Wort nehmen darf. Schlicht meine Angst, dass ich auf eine Frau, die sich für den Karneval als Piratin verkleidet hat, im vollen Ernst einrede, wie sie denn fortan als Piratin ihren Lebensunterhalt bestreiten wolle, es gäbe auf der Welt wohl längst nicht mehr genug Schätze für eine ordentliche Rentenversicherung. Weil eben an jeder Ecke leicht einsehbar ist, dass spätestens im Altenheim auf hundertfünfzig Frauen nur drei Männer kommen, es also bei der heutigen Lebenserwartung mindestens zwanzig, dreißig Jahre keinerlei Grundlage mehr gibt für Texte wie den obigen. Und offenbar sind gerade Frauen von der Biologie „kühl“ genug konstruiert, jahrzehntelange Einsamkeit mit Kniffeln und ihrem Hund gut durchleben zu können. Vielleicht bin ich deshalb oft als „anstrengend“ bezeichnet worden, weil ich mich bemüht habe um etwas, von dem jeder andere wusste, dass das jetzt bloß Kino ist.