Komm, renn mit mir.

1. Akt

Natürlich berührt dich das, dich berührt ja alles. Dass die Straßen immer voller und die Köpfe immer leerer werden. Dass du den Namen vom Kaffeemann nicht kennst, aber die Geschichte seines gebrochenen Herzens.

Dass du nie an etwas vorbeigehen kannst. Dass nie mal etwas einfach an dir vorbeigeht. Dass du alles immer mitnehmen musst, einpacken und aufbewahren, in den Einmachgläsern deines Kopfes schwimmen die Gedanken, die Nächte und die Tage, jeder Geruch, jedes Wort, jede Berührung, so zufällig sie auch gewesen sein mag. Und der griechische Chor singt für dich sein Lied.

2. Akt

Komm, renn mit mir, komm, fang mich, komm, lass uns all die Sachen machen, die wir uns vorgestellt haben in all den Nächten, in denen wir in fremden Betten lagen und dachten: Wenn das alles ist, dann nehme ich nichts. Komm, lass uns schwimmen gehen, lass uns uns schwindelig machen, komm, lass uns fangen spielen und verstecken, lass uns Kinder sein und aneinander verrecken, lass uns Finger sein auf nackten Brüsten, auf Hüftknochen und Mündern, lass uns Sommer sein im Kopf und Winter für die anderen, komm, lass uns uns lieben und damit nicht mehr aufhören, lass uns Banditen sein und Haudegen, Schlitzohren und Einbrecher, lass uns tanzen gehen und lachen, lass uns weinen über die falschen Sachen, lass uns die sein, die die anderen nicht ertragen, lass uns dramatisch sein und wild, völlig lächerlich glücklich und so jämmerlich banal in jedem Augenblick, dreckige Witze und Flaschenbier, deine Hand in meiner nachts um vier.

3. Akt

Reiß dich nicht zusammen und benimm dich einfach daneben, schrei einfach raus, was du verschweigen willst. Vergiss einfach mal, dass du dich ständig verläufst in fremden Herzen, dass du ständig ersäufst in anderen Köpfen. Sag jemandem, dass du ihn liebst und sag keinem, dass du manchmal Angst hast, dass es das gar nicht mehr gibt. Schlag um dich und sei wild, fall hin, brich dir die Beine und das Herz.

4. Akt

Natürlich berührt dich das, dich berührt ja alles viel zu sehr. Natürlich hast du Angst und machst es dir schwer, natürlich willst du weglaufen und keinem erzählen, dass du brennst, dass du hungrig bist nach Tagen und Nächten, nach Reizen und Lenden, nach Betäubung und Melancholie, nach Fremdem und Neuem und Drama und Gier. Natürlich, sagen die anderen, musst du mal schlafen, musst du mal rasten, musst du mal gehen und musst du mal fasten, natürlich, sagen die anderen, musst du dich mal zusammenreißen und dich mal benehmen, dich mal erinnern und dir mal vergeben, aber, und das weißt du genau,

5. Akt

wenigstens ist alles echt, alles da, alles zum Anfassen, zum Lieben, Verlieren und zum Teufel damit: Du kannst es ja doch nicht lassen, was für ein Glück.

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4 Gedanken zu „Komm, renn mit mir.

  1. Pingback: Kathrin Weßling | Das Featurette Blog

  2. Sofasophia

    genial geschrieben – inhalt und melodie aus einem guss.
    und so authentisch und lebendig – diese lebendigkeit, die vielen angst macht, diese rauhe, kantige, ungezähmte, natürliche lebendigkeit …
    danke für diesen text, der mich sehr anrührt!