Nullkommadreisekunden bis Normalnull

Das ist natürlich nicht so schön. Dass du nicht schlafen kannst, mein Mädchen, dass du nicht in die Anzüge passt, nicht in die Gedanken, da ist einfach nicht genug Platz, egal, wie sehr du dich zusammenreißt, zusammenstauchst, zusammennimmst –

da passt nicht einmal dein Herz rein, das du versuchst da hineinzustopfen, los, los, los, das muss doch gehen, das muss doch passen, da passt doch auch alles andere hinein, warum ich denn nicht, schreist du dabei und dann nimmst du das dumme Ding und trägst es wieder nach Hause.

(Ein Wunsch: Mit Stolz, mit Stolz trägst du es beim nächsten Mal nach Hause, komm schon, Kopf hoch, Herz raus, so geht das doch, oder?)

Das ist natürlich nicht so schön, dass dir ständig etwas hinunterfällt auf den Betonboden von Realitäten, dass du mal wieder in Metaphern sprechen willst, während der Kaffee durchläuft. Dass du schon wieder sagen willst: Aber wir, wir sind doch was, wir sind doch wer, wir sind doch… ach egal, Kaffee ist fertig, leere Küche, leere Tasse, volle Blicke auf ein Zurück, das schon jetzt nicht mehr da ist, denn so ist das mit unserer Wahrnehmung: immer 0,3 Sekunden zu spät und deshalb lachst du beim nächsten Mal, wenn jemand sagt, dass man doch mal, also man müsste doch mal, also man muss doch wirklich im Hier und Jetzt leben. Nullkommadreisekunden, sagst du dann, das Gehirn braucht Nullkommadreisekunden, um alle Informationen zu verarbeiten und deshalb lebt überhaupt gar keiner im Jetzt, sondern alle nur im war-doch-gerade-noch-da-war-doch-gerade-noch-alles-anders, oder?

Das ist natürlich nicht so schön, dass du dir immer den Kopf verrenkst bei dem Versuch, nach vorne zu schauen, während die Gedanken noch beim Gestern sind. Das macht ja keinen Spaß, sich ständig so zu verrenken. Das ist natürlich nicht so schön, das mit dem Nebel und den Schiffen, das mit der Taubheit und den Wünschen, das mit dem Drama und das mit den besser-nicht-gesagten-Worten, das mit dem Übertreiben und das mit den versauten Orten voller Ach-hätte-ich-mal-nie und immer diese Idiotie der Melancholie, so klappt das doch nicht, Mädchen, so klappt das doch nun wirklich nie.

Das ist natürlich ziemlich schön, dass du all das trotzdem immer wieder versuchst, du kluges Mädchen, du mit deinem Trotzkopfherz, noch Nullkommadreisekunden bis Normalnull, noch dreimal Lächeln und zwei Nächte, einfach bis drei zählen, einfach im Hier und Jetzt, das nie richtig da und sowieso genau jetzt schon wieder vorbei ist.

9 Gedanken zu „Nullkommadreisekunden bis Normalnull

  1. Jule

    Ich sitze hier und habe Gänsehaut. Deine Worte + die Musik von Soap&skin dazu – wow. Ein Gefühl, als würde sich der Boden unter den Füssen verschieben, für einen kurzen Moment. Habe ich das nicht schon einmal gelebt, irgendwann?
    Ich les jetzt mal weiter.

  2. Venise

    deine worte haben mir die sprache geraubt. alles was bleibt ist ein stummes nicken, eine umarmung meiner seele und das unwissen darum, dass alles ok ist.. irgendwie.
    danke!

  3. ahmet

    Ich habe gerade dein Interview in SPON gelesen und kann die nur sagen : Nimm dir nicht alles zu Herzen was andere Leute gedankenlos, aus Frust, oder gar aus purer Langeweile posten. Gerade solche abstrusen Sprüche wie „Du bist so haesslich, geh sterben“ würden bei mir persönlich höchstens nur ein mitleidsvollen Laecheln hervorzaubern. Vorallem weil der Inhalt dieses dummen Spruches ja nicht die Wahrheit wiederspiegelt. Sowie ich das hier aus der Ferne beurteilen kann, bist du eine hochattraktive Frau die ruhig auch anecken darf, und auch soll. Das formt den Charackter .
    Ich weiß das mein Kommentar nichts mit deinem Artikel zu tuen hat und vielleicht auch nicht hierhingehört. Liegt von nun an in deinem Ermessen was du mit meinem Kommentar machst.

    Schöne Grüsse

  4. chschlesinger

    Alles, was ich jetzt noch erlebe, habe ich vor zehn, zwanzig, dreißig Jahren schon mal besser erlebt. Wobei es nicht der Augenblick an sich war, sondern die Zukunft, welche er mir versprach: hinter jedem Schachbrett der Lorbeerkranz des Schachweltmeisters. Hingegen mir heute als Aussicht bloß die sprachlosen, kalten Mauern bleiben aus Hölderlins zweiter Hälfte des Lebens…