Raupenheim. Oder: Ein Kopf wie ein Sommerdom.

Du kannst sagen, was du willst: Jeder braucht eine Haut, die schützt, einen Panzer wie Teflon, eine Schutzschicht aus „Mir doch egal“ und „So wild ist es doch nicht“.

Du kannst sagen, was du willst: Du brauchst das, sonst kriecht der November in dich, sonst steht an jeder Straßenkreuzung eine Erinnerung, die den Daumen raushält und du wirst immer anhalten und sie mitnehmen, bis dein Fahrzeug so voll ist, dass du gegen die Wand fährst. Du kannst sagen, was du willst, aber du brauchst etwas, das dich schützt.

Du bist vielleicht ein bisschen sensibel und das ist ja auch ganz schön, schau mal, du hast schon wieder etwas bemerkt, das sonst keiner gesehen hat, du bist schon wieder ganz wach, dein Verstand arbeitet wie ein Kind auf einem Sommerdom: alles riechen, alles fühlen, alles sehen, alles schmecken, alles mitnehmen. Und alles dreht sich, immerzu.

Da hilft nichts, außer das: Ein bisschen Zeit für das Atmen und ein bisschen Zeit zum Luftanhalten. Die Hand aufs Herz, die andere auf dem Bauch. Atmen. Nachts um drei mutig nach Hause gehen, sich selber wissen lassen: Du verpasst jetzt gar nichts. Ordnung schaffen im Außen, das dem Chaos im Innen ein bisschen Baldrian ist. Essen, trinken, tanzen, schlafen. Ein Steg, ein See, ein Wald, eine Umarmung von jemandem, den du erträgst. Bücher, viele, Filme, viele, Zeitungen und Musik. Und immer wieder: Stille.

Denn du kannst sagen, was du willst: Du brauchst das, sonst kriecht der November in dich, der Regen und auch der Schnee und in dir ist nur noch Wald und Gestrüpp. Du kannst sagen, was du willst, aber egal, was du sagst: Das willst du doch nicht.

8 Gedanken zu „Raupenheim. Oder: Ein Kopf wie ein Sommerdom.

  1. Verena

    Absolut richtig.
    Stark. Wie wir alle gerne sein wollen aber es doch keiner so richtig ist, tief im Innern, wenn man mal ehrlich ist, zu sich selbst.
    Stark sind wir alle nicht. Deshalb brauchen wir diesen Panzer.

  2. funkelblau

    Ich lese so gerne wie du schreibst, gemalt mit Worten, sinnlich spürbar jeder Satz.
    Manchmal bohren sie in vertraute Wunden, oft streichen sie sanft über Narben,
    immer lassen sie mich
    weniger
    allein zurück.
    Ich danke Dir dafür.

  3. chschlesinger

    Ein wenig verängstigt bin ich schon, dass Deine Worte mich nicht mehr so berühren. Weil Worte ja auch mein Weg sind, alarmiert mich jeder Anflug von Langeweile. „Hey, die Kathrin hat mit ihrem Blog ne halbe Million Klicks generiert, das will ich auch!“ Und so klingen mittlerweile viele Blogs wie Du. Natürlich nicht derart gut wie Du, aber offenbar lassen einen viele Kopien abstumpfen gegenüber dem Original… Seit Du das Video „Tinderella“ vorgestellt hast, sehne ich mich noch viel mehr nach Deinem neuen Roman. Für dreihundert Seiten in Deinem Stil fehlt wohl jedem Nachahmer die Kraft. Und es ist hoffentlich ein großer Schlüsselroman über das Liebesleben der Mittzwanziger, über ihr Paarungsverhalten mit Tinder, Whatsapp, Facebook etc. Ich glaube, dass zurzeit keine Schriftstellerin in Deutschland uns besser fühlen lassen kann, was auf solch digitalen Wildbahnen eigentlich angeht.

  4. www.ralfhauser.wordpress.com

    Das Leben wird meiner Meinung nach immer ein Austesten von Grenzen sein. Das meinte schon meine Deutsch Leistungskurs Lehrerin vor über 10 Jahren. Damals konnte ich nicht glauben, Risiken nur einzugehen, weil sonst das Leben langweilig wird. Allgemein ist das gute Leben die Balance zwischen Genuss und Disziplin. Sagte mal Alfred Biolek im Fernsehen. Werd ich auch nie vergessen.