Metamorphose

Die Stille ist ein metaphysischer Ort, das kann niemand bestreiten (obschon wir doch immerzu so viel streiten, aber hier, bei dieser Sache, die keine ist, da müssen wir uns einig sein).

Stille ist wie ein geruchloses Gas, das in dich hineinkriecht. Machst du den Mund auf, das Telefon an, die Musik, die Welt da draußen – sie verflüchtigt sich sofort. Aber wenn nicht – dann kann sie in dir wirken, kann sich ausdehnen und immer mehr werden, bis du ganz von ihr erfüllt bist, bis du – vielleicht ja wirklich am Ende selbst – Stille bist.

Die Stille ist ein mächtiges Wesen, ein wildes, kein vorsichtiges, aber ein zögerndes. Zu oft hast du sie vertrieben, schon so oft hast du vor Schreck geschrien. Das Wesen der Stille selbst will nichts, ist in seiner Definition Abwesenheit von etwas und dabei so unterschätzt, denn ist sie erst einmal da, hat sie Platz genommen und deine lodernden Synapsen gelöscht – ermöglicht sie dir viel, die alte Stille, so viel, dass du fast verrückt an ihr werden könntest.

Die Stille macht dein Echo laut, alle Stimmen in deinem Innen, hallohallohallo. Sie lässt dich wieder atmen und wieder weinen, wieder sprechen, wieder laufen, wieder hören, wieder lachen, wieder schlafen, wieder stehen. Sie lässt dich – das kann sie am besten. Der Lärm will immerzu irgendwas von dir, ein Anruf, eine Verabredung, zu dir oder zu mir. Die Stille lässt dich deine Finger betrachten, die Spinne im Gras, die Wasseroberfläche, die heute nicht bebt. Die Stille ist ein Ort, den sie dir schenkt, der ist in  deinem Kopf und im Bauch ist er auch, eine Leinwand, auf der du das Außen projizierst und still betrachtest, ohne Eile, ohne Kummer, ohne Angst.

Lass sie, gib ihr, halt sie, nimm sie, lass sie um Himmels Willen nicht so schnell gehen. Ein Versprechen wird sie sein, ein Pol, ein Spiegel, alles, was du willst, nichts, was du wirst, alles, was du bist.