Konjunktiv-Mann

Hallo Konjunktiv-Mann, hast du dich verlaufen? Weißt du nicht, was du sagen sollst? „Ich weiß ja auch nicht“ sagst du und guckst ein bisschen traurig, die Wimpern treffen gleich schon die Schatten unter deinen Augen. „Mal schauen“, sagst du und deine Fingerknöchel treten rosa-weiß hervor, „ein bisschen Zeit, das wird schon helfen“, deine Hände schon Fäuste gegen jeden Wunsch, jede Erwartung, jede Frage nach Zukunft und morgen, nach „nächste Woche Ausstellung?“ und „schlafen wir bei dir?“.

Du schöner, verzweifelter Konjunktiv-Mann, deine Mühen kenne ich, deine Sätze habe ich auswendig gelernt:

– Ich kann nicht, jetzt nicht, vielleicht irgendwann.
– Ich würde, wenn ich könnte, dann vielleicht.
– Falsche Haarfarbe, falscher Geruch, falsche Zeit.
– Ich bin noch nicht.
– Ich bin noch sowas von nicht.
– Bereit.

Die Konjunktiv-Frau sitzt vor dir, gespannt mit Pulsschlag und Rauschen in den Ohren. Wünscht sich Zusagen, wünscht sich Versprechen, wünscht sich nur ein einziges Mal (ein einziges Mal, herrje!, meine Güte, ist das so schwer?) irgendwas mit „morgen“. Die Konjunktiv-Frau sitzt in meiner Küche und weint. Hat wieder nicht geklappt, noch Wein?

Der Konjunktiv-Mann spielt ein bisschen mit seinem Telefon – Work Life Balance, aber Tinder geht natürlich schon. Links, links, links, links, irgendwann Wut im Gesicht, ein beschwichtigendes Lächeln: Ist ja nur Spaß, würde ich ja eh nie machen.

Die Konjunktiv-Frau hat etwas Neues gelernt. Sie sagt jetzt nicht mehr „Ich will“, sondern „Na klar, kein Problem“. Sie sagt: „Lass dir Zeit, ich weiß ja auch nicht so genau. Mach, was dir guttut und dann schauen wir mal. Freiheit ist wichtig, Zusagen machen mir Angst. Ich kann mich ja nicht mal an einen Internet-Anbieter binden.“ Die Konjunktiv-Frau nickt eifrig dabei. Ein Zweifeln wird weggesprochen, „Nein, ich meine das wirklich ernst, ich hab das jetzt begriffen, ich bin ja selber noch nicht so weit, versprochen!“

Der Konjunktiv-Mann steckt sein Telefon ein. Die Nachricht von „Hannah Tinder“ hat er gar nicht erst gelesen – na ja, ein bisschen schon, kann man ja alles sehen, dank Speerbildschirm auf dem Telefon. Der Konjunktiv-Mann weiß, dass Hannah schreibt, dass sie ihn vermisst. Ihm geht´s nicht so, aber was soll man da sagen, wird Hannah schon merken und irgendwann aufhören zu fragen. Der Konjunktiv-Mann onaniert heute Abend wieder in drei Minuten und vier Klicks, im Kopf nur Rauschen, macht ja nichts.

Die Konjunktiv-Frau schaut sich noch Serien an. Ein Repost, ein Visual, ein trauriges Bild bei Tumblr: I wish you would know. Seufzend klappt sie den Laptop zu, schreibt Hannah „Mach dir nichts draus, er hat bestimmt nur viel zu tun.“ Die Konjunktiv-Frau weiß, dass das gelogen ist, aber was wäre schon gewonnen, wenn endlich mal einer die scheiß Wahrheit frisst. Dann liegt man am Ende ja nur in halbleeren Betten, die nicht mal Optimisten als gefüllt betrachteten, denkt daran, wie es war, das schöne, unbedingte, angstlose Lieben, drei Minuten Tränen und vier Mal kurz geblinzelt, Augen zu und weitermachen, lieben ist doch nur was für Typen, die nichts zu verlieren haben und das Konjunktiv-Mädchen weiß: ich liebte, ich habe geliebt, ich verliere, ich würde lieben, wenn ich könnte, wenn ich müsste, wenn da jemand wäre… Licht aus, Kopfkino an bis zum nächsten Date – hoffentlich nicht wieder mit so einem scheiß Konjunktiv-Mann.

 

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Bild: Dustin Scarpitti