Hier. Jetzt. Ich.

kathrin-wessling

Warum wir aufhören müssen uns für unsere psychischen Erkrankungen schuldig zu fühlen.

Auf meinen Handgelenken steht “hier“ und “jetzt“. Ich dachte eine sehr lange Zeit, dass das die beiden wichtigsten Dinge sind, an die es sich zu erinnern gilt: Alles findet hier statt, jetzt gerade, hier und jetzt.Die Tätowierungen sorgten manchmal für ein paar belustigte Blicke vom Türpersonal in den Clubs dieser Stadt, manche mögen diese Art von Markierung, andere finden sie dumm, hässlich, kitschig, mir egal, dachte ich, das steht da ja für mich, erinnert ja die meiste Zeit niemanden sonst daran, nur mich, mich erinnert es immer wieder daran, dass es genau darum geht: um das Hiersein und um das Jetzt hier sein.

Die Sache ist nämlich die: Mein Kopf hat ein Problem, das einen Namen hat, den man auf Überweisungsträger schreiben kann, aber darum geht es jetzt hier nicht, dieses Problem jedenfalls führt dazu, dass der Kopf ständig auf achttausendmillionentrilliarden Umdrehungen läuft, aber leider nicht so, dass ich großartig bestimmen könnte, ob er sich jetzt auf Ebene 1 mit dem Jetzt beschäftigt oder auf Ebene 7. Ja, ich unterteile mein Denken in Ebenen. So funktioniert das nämlich: Es passiert auf zig Ebenen gleichzeitig, aber nicht immer und auch nicht immer auf gleich vielen. Das klingt so anstrengend wie es ist und damit ich nicht verlorengehe zwischen den ganzen Ebenen, muss ich manchmal irgendwo kurz stehen bleiben und mich daran erinnern: Ach ja, es ist jetzt 13:32h und es ist der 8.November 2015 und die Sonne scheint und das passiert jetzt gerade, na Hallo Kathrin, wie geht´s dir so?

Darin unterteilt sich dann nämlich alles: Ist das gesund oder ist das krank?

Lange habe ich gedacht, dass es also diese beiden Anker sind, die ich werfen kann, wenn der Kopf in Seenot ist. Dabei habe ich ganz vergessen, dass es gar nicht bloß das hier gibt und das jetzt, sondern auch noch das ich. Das habe ich vielleicht auch ein bisschen absichtlich vergessen, weil ich ja erst einmal mit den Ebenen beschäftigt war. Und die zu ordnen und zu verstehen ist die meiste Zeit schon sehr viel Arbeit an sich, glauben Sie mir.

Wenn einem jemand sagt, dass man verrückt ist, was einem ja niemand so richtig sagt, sondern eher so etwas wie: Sie sind depressiv oder Sie haben Borderline oder Sie sind magersüchtig oder Sie sind einfach bescheuert (na gut, das auch nicht), dann braucht man eine ganz lange Zeit, um damit zurechtzukommen, das Innere wieder so zu ordnen, dass man irgendwo zwischen unglaublichen Selbstzweifeln, Selbsthass und Angst so etwas wie eine Ordnung findet und eine Richtung, die sich wie eine gesunde anfühlt. Denn darin unterteilt sich dann nämlich alles: Ist das gesund oder ist das krank? Ist das sowas, was die anderen Leute machen würden oder würden nur bescheuerte und verrückte Leute das machen?

kathrin-wessling

Ich möchte mich die Hälfte meines Lebens für mich selbst entschuldigen

Ich habe jetzt ungefähr die Hälfte meines Lebens damit zugebracht, solche Ordnungen herzustellen. Ich denke, ich habe jetzt langsam eine Art System. Das Problem ist: Wenn man sich so lange mit einem kaputten System beschäftigt hat und damit, es zu sortieren und es aufzuräumen und zu reparieren, dann ist man sich seiner Selbst auf eine wirklich manchmal schwer zu ertragende Weise deutlich bewusst. Und man ist sich darüber bewusst, dass andere Menschen auf Überweisungsscheine Diagnosen schreiben, die was mit einem zu tun haben. Und das wiederum hat zumindest bei mir dazu geführt, dass ich mich die Hälfte meines Lebens am liebsten für mich selber entschuldigen möchte.

Entschuldigung, dass ich so schnell rede und denke. Entschudligung, dass ich so sensibel bin. Entschuldigung, dass ich so schnell Angst bekomme. Entschuldigung, dass ich manchmal anstrengend bin. Entschuldigung, dass ich mit den meisten Menschen nichts anfangen kann. Entschuldigung, dass ich, nachdem ich so viele Jahre mit so einer schweren Krankheit verbracht habe, nicht mehr bereit bin, meine Zeit bin dummen Dingen und Arschloch-Menschen zu vergeuden oder überhaupt zu vergeuden. Entschuldigung, dass ich so unruhig bin. Entschuldigung, dass ich viel lieber arbeite als rumzuhängen. Entschuldigung, dass ich nicht solche Beziehungen führen kann wie andere. Entschuldigung, dass ich ich bin. Entschuldigung, dass ich irgendwie versuche, aber so zu sein. Entschuldigung für meine Gedanken und Gefühle und sowieso. Tschuldigung.

Krank zu sein oder gewesen zu sein ist keine Schuld

Ich könnte ganz lange so weitermachen. Weil ich ja anstrengend bin. Zumindest ist es das, was Menschen wie ich gelernt haben über all die Jahre. Situationen, in denen andere Menschen gesagt haben: Du, tut mir leid, aber mit sowas kann ich nicht umgehen. Und mit sowas war dann ich gemeint. Oder mit meiner Krankheit. Oder mit dem, was sie macht. Und das ist natürlich (natürlich!) okay. Weil wir auch gelernt haben, von niemandem zu verlangen, dass er mit uns umgehen muss. Niemand muss ertragen, wenn ein depressiver Mensch sich völlig zurückzieht. Oder ein Borderliner ausrastet. Oder ein Magersüchtiger auf die Intensiv muss. Das muss niemand ertragen. Niemand, außer wir eben. Wir müssen uns 24/7 ertragen. Und wir müssen lernen, mit uns zu leben. Und natürlich gibt es auch jene, die all ihren Ballast auf andere schmeißen und ihnen das Leben zur Hölle machen. Das gibt es auch. Viel öfter habe ich aber jene wie mich getroffen, die sich am liebsten den ganzen Tag für sich selber entschuldigen würden.

Also kommt ab heute zu dem Hier und dem Jetzt noch das Ich hinzu. Mit 30 Jahren kommt das Ich langsam zurück, das durch Krankheit und dem Kampf ums Überleben einige Male schon kaum noch vorhanden war. Das Ich muss nicht tätowiert werden, das Ich sitzt nämlich in der Mitte. Es ist noch ganz klein und weiß noch gar nicht, wie es ist, sich nicht immerzu entschuldigen zu wollen. Aber es will damit anfangen. Oder damit aufhören. Aufhören, Angst zu haben, zu viel zu sein oder zu wenig. Krank zu sein oder gewesen zu sein ist keine Schuld. Auch, wenn das Ich gleich schreien will: Oh doch! Oh nein, Ich, Schuld ist etwas, das man auf sich lädt. Eine Krankheit stößt einem zu. Die lädt man weder ein, noch auf sich. Und entschuldigen kann man sich dafür also gar nicht. Man, ich kann höchstens lernen, zu ertragen, sich trotzdem schuldig zu fühlen. Und umso öfter stehen zu bleiben, flüsternd, murmelnd, schreiend: Hier. Jetzt. Ich. Verdammt noch mal, Ich.

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