Ich habe ADHS und vielleicht ist das gut so

 

Stell dir vor, du wachst eines morgens auf und alles ist irgendwie anders – du siehst zwar noch gleich aus, du gehst zur gleichen Arbeit und wohnst in der gleichen Wohnung, aber irgendwie fühlt sich nichts so an wie vorher. – So habe ich versucht, anderen zu erklären, was gerade in meinem Leben passiert.

 Ich habe in den letzten Jahren darüber geschrieben und gesprochen, wie es ist, depressiv zu sein. Ich habe ein Buch darüber geschrieben und war damit eine der ersten in Deutschland, die einen bekannten Blog darüber geführt haben und einen Roman darüber schrieben. Menschen wie Eva Lohmann, Tobi Katze und vielen anderen ist es zu verdanken, dass wir heute so offen mit diesem Thema umgehen.

Und ich habe Glück gehabt: In dieser ganzen Zeit, in all den Jahren, musste ich mich wenig rechtfertigen, wenig verstecken für diesen Schritt. Es gab arge Situationen, ja. In Vorstellungsgesprächen, in denen ich erklären musste, dass ich nicht einfach ein halbes Jahr krank werde. Oder in Jobs, in denen ich mich rechtfertigen musste, warum ich ein paar Wochen mit Grippe und Fieber im Bett lag – und dass das nichts mit meiner Psyche zu tun hatte. Aber eigentlich habe ich unglaublich viel Glück gehabt, weil ich in einem Bereich arbeite, in dem psychische Erkrankungen nicht nur Thema sind, sondern auch auf Verständnis und Akzeptanz treffen.

Du bist jetzt eine Borderlinerin, herzlichen Glückwunsch.

Dass „irgendwas mit mir nicht stimmt“, denke ich, seit ich denken kann. Ich kann die Verweise, die Rausschmisse und Verwarnungen in meiner Schulzeit nicht zählen. Ich bin von Schulen geflogen, hab es gerade so durchs Abitur geschafft und mein Studium abgebrochen. Und das trotz, und jetzt kommt das schlimme Wort, einer Hochbegabung. Und nein, an dieser Stelle werde ich darauf nicht weiter eingehen, das hat Meike schon ganz wunderbar in „ALIEN NATION“ getan und ich habe die Reaktionen darauf verfolgt und gesehen, wie eklig das alles werden kann (Danke, danke, danke noch mal Meike, dass du das alles aufgeschrieben hast <3 ).

Kurzum: Was folgte, ist bekannt. Chaos, Krisen, Depressionen, aufstehen, weitermachen, Diagnosen, Kliniken, Jobs, Bücher, weitermachen. Das „Tolle“ ist ja, dass man dann doch immer irgendwie funktioniert. Auch, wenn genau das eigentlich das Schlimmste ist. Aber aufgeben gilt nicht und Krankheit ist nicht Charakter, also weiter.

Weil ich eine Frau bin und einfach nicht „gesund“ werden wollte, immer wieder in Krisen stürzte, hatte ich eben irgendwann „Borderline“. Obwohl auf mich die meiste Zeit nicht mal 4 von 9 Kriterien zutrafen und mindestens 5 nötig sind: Borderline. Also war ich eben mit 28 plötzlich Borderlinerin. Ich fand mich fortan nun in Borderline-Therapien wieder. Ich war nicht mehr nur depressiv, sondern jetzt auch Borderlinerin. Wenn ich meine Diagnose anzweifelte: Typisch Borderline. Selbst mein Hinweisen darauf, dass ich nach dem DSM-IV doch gar nicht als solche gelte: Distanzierung zur Diagnose – typisch Borderline. Dass mich selbst die anderen Borderliner als fremd und „anders“ wahrnahmen: egal. Irgendwann arrangierte ich mich damit. Dann war ich eben Borderlinerin. Mir egal. Ich wäre alles gewesen, Hauptsache, mir geht es besser. Dabei ging es mir nicht darum, die Krankheit schlecht zu reden (und auch jetzt nicht). Im Gegensatz zu den wirklich beschissenen Sachen, die ich über Menschen mit Borderline gehört und gelesen habe, habe ich fast durchweg unglaublich sensible, tolle, hochemotionale und kluge Menschen mit dieser Krankheit getroffen, die mich alle sehr beeindruckt haben. Mein Problem war nicht, dass ich nicht sein wollte wie sie, sondern, dass ich wusste, dass ich es nicht bin.

Irgendwas stimmt nicht

Ich habe trotzdem meine Medikamente genommen. Natürlich. Die Antidepressiva. Die Neuroleptika. Den ganzen anderen Kram. Ich habe eine DBT basierte Therapie-Gruppe besucht und unglaublich viel gelernt dabei. Das Problem: Es ging mir nicht besser. Was ich damit meine?

Ich kann mich nicht entspannen. Mein Kopf brennt, ist ein Hochleistungsofen, immer an, immer auf achttausend. Ich kann mich schwer konzentrieren, ich verlaufe mich in Gedanken, ich habe achtzig Ebenen Gedanken-Brei gleichzeitig in meinem Kopf. Immer an, nie aus. In mir ist Chaos. Gutes Chaos, weil ich daraus viel schöpfen kann, aber auch schlimmes Chaos, weil es mich erschöpft.

Ich kann nicht stillsitzen und mein Kopf kann es auch nicht. Meine Gedanken sind manchmal schneller als meine Gedanken. Und ich könnte jetzt noch lange so weiterschreiben – darüber, wie es sich anfühlt, eine Starkstromleitung im Kopf zu haben. Ständig zu denken und nie aufhören zu können. Sich zu verlaufen im eigenen Kopf, mit Kleinigkeiten überfordert zu sein, aber absurd komplexe Dinge gleichzeitig lösen zu können. So geht es mir, seit ich denken kann. Und irgendwann vor ein paar Monaten hätte ich meinen Kopf am liebsten nur noch gegen eine Wand geschlagen, wollte nur noch Ruhe, konnte aber keine finden. Und um das Ganze abzukürzen: Nach sehr qualvollen Monaten und einigen nicht sehr schönen Versuchen, mir selber Linderung zu verschaffen, habe ich mich schließlich endlich doch testen lassen. Und zwar auf ADHS.

Tata, neues Leben. Oder so.

Ich habe eine ganz wunderbare Diagnostikerin gefunden, die spezialisiert ist auf die Diagnose von ADHS auch bei Erwachsenen. Das vage Gefühl, die leise Vermutung, die ich immer hatte, sie stimmte. Ich bin ein Erwachsener mit ADHS. Was als Jugendliche nur vermutet, aber nie verfolgt wurde (Kleinstadt, die 90er, da ist das Kind eben nervig, zu klug, zu laut, zu schnell, zu irgendwas), ist nun getestet und diagnostiziert und zum ersten Mal in meinem Leben habe ich das Gefühl, eine Diagnose zu haben, die keine Krankheit ist. Die zwar natürlich eine ist und der Medikation bedarf und der Behandlung, aber die sich nicht mehr wie etwas anfühlt, das sich fremd und furchtbar auf mich legt und das doch gar nichts mit mir zu tun hat.

Ich erfahre nun nach und nach, warum all diese Dinge so sind, wie sie sind. Warum ADHS bei Frauen so spät erkannt wird. Warum es unbehandelt zu Depressionen, Suchterkrankungen und allerlei anderem führt. Wie ein Leben damit funktionieren kann. Und aber auch ganz langsam, nach und nach, wie MEIN Leben damit funktionieren kann.

Ich war jetzt die Hälfte meines Lebens auf der Suche nach der Erklärung für die Gründe, warum ich mich fühle, wie ich mich fühle. Warum mein Verstand funktioniert, wie er es nun einmal tut. Ich bin nun angekommen und ja, ich nehme Ritalin. Und es ermöglicht mir zum ersten Mal, so etwas wie Ruhe zu empfinden. Ich kann plötzlich schlafen. Und stundenlang lesen. Ich habe wieder Momente, in denen sich mein Leben wie eines anfühlt.

Hier soll es künftig nicht darum gehen. Es gibt Menschen und Orte in diesem Internet, die sich so viel besser mit ADHS, Hochbegabung und Hochintelligenz auskennen. Aber vielleicht wird es hier nun dann und wann auch mal darum gehen, dass das Leben doch gar nicht nur ein wildes Meer ist. Sondern vielleicht dann und wann aus der Ahnung einer Insel tatsächlich auf den allerallerletzten Metern Kraft und mit scheiß viel Salz und Tränen in den Augen Strand wird und Ruhe und ein klitzekleinesbisschenminihoffnung.

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Links:

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Kommentar bei Facebook von Mone, der, wie ich finde, hier ganz dringend und unbedingt noch hingehört:

same same same
und adhs ist das, was einen nicht schweigen lässt, weil trotzdem alles rauspurzelt durch eine überdünne membran
und adhs ist das, was einen schreiben lässt, weil trotzdem alles rauspurzelt durch eine überdünne membran
und adhs ist das, was einen dennoch verwunderlich lebendig und überassoziativ wirken lässt (fast borderlinig psychotisch), weil trotzdem alles rauspurzelt durch eine überdünne membran
und adhs ist das, in verbindung mit hochbegabung und stimmungsschwere
was jeden tag zu einem kindergeburtstag macht für eine weise alte oma
(weil trotzdem alles rumpurzelt
und eine überdünne membran)
different different different

Ein Gedanke zu „Ich habe ADHS und vielleicht ist das gut so

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