Eine Stadt, ein Herz, ein Leerlauf

into the wild

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Sie sagen, sie können immer nur ein Kapitel nach dem anderen lesen. Mit langen Pausen dazwischen. Ich lache ein bisschen. Ich schreibe das nur. Ich lache nicht. Ich nicke. Ich nicke noch mal. Vielleicht. Ich fühle mein Gesicht seit 30 Minuten nicht mehr. Moment. Seit 32 Minuten nicht mehr. 11:48 Uhr. Die Patientin stellt fest: Ich fühle mein Gesicht nicht mehr. Es handelt sich um eine phänomenologische Erscheinung. Sie assoziiert. Nein, Entschuldigung, dissoziiert. Das eine ist Kunst, das andere geht nicht weg.
12:37 h: Ich würde gerne jemandem erklären, wie es ist, das eigene Gesicht nicht zu fühlen und gleichzeitig zu wissen, dass das Quatsch ist. Ich hätte gerne etwas Schöneres als „Quatsch“ geschrieben, aber ich versuche leichtverständliche Worte zu benutzen. Für Dinge, die nicht mal ich verstehe.

2
Etwas zu verlieren heißt, etwas besessen zu haben. In meinem Fall heißt es: von etwas besessen gewesen* zu sein.
Das ist eine grammatikalische Unterscheidung (oder: Unentschiedenheit. Nein, das ist „Quatsch“, die Grammatik ist die einzige, die sich hier mal entscheiden kann.), das eine passiv, das andere aktiv. Das eine: 1 Opfer. Das andere: 1 life. Denken Sie da mal drüber nach, nehmen Sie mir das um Himmels Willen doch mal ab.
13:47 h: Das Herzrasen ist vom Denken. Interessant, dass Menschen das unterscheiden. Das Denken ist die eine Sache. Das Gefühl die andere, die keine Sache ist. Und das Gefühl sitzt im linken Brustbereich, klopf klopf, jemand zu Hause, das Herz ist da.
Ich habe das nie verstanden, wenn irgendwas unterhalb der HWS Gefühle macht, dann der Darm, vielleicht noch der Magen, aber lassen wir das. Das Knurren ist nicht meine Wut, das ist mein Hunger. Versteht hier irgendwer, dass das das Gleiche ist?

3
Das Gute an Unglück ist, dass man sich viele Vorstellungen von Glück machen kann. Ich habe zum Beispiel circa 4. Aber die sagt man nicht laut, das bringt Unglück. Haha, Witz verstanden? Nein? Ich auch nicht.

Ich tippe, weil ich nicht sprechen kann, ich tippe, weil ich nur raten kann. Ich rate, weil ich keine Sprache für diese Zeit spreche, keine Worte für diese Worte finde, keine Synonyme für Liebe, die keine (vgl. auch: meine, eine) ist, keine einfachen Texte und Bilder für den Film auf der Netzhaut, der die Bushaltestellenanzeigetafel im Grau eines Novembermorgens flackern ließ. Kaputter Code, dachte ich, und dass doch irgendwer das reparieren muss. Dass doch eigentlich Mai ist. Dass Vermissen eigentlich Grammatik ist: ich würde so gerne wissen, ob. Konjunktiv 1, eine Frau, eine Stadt, eine Netzhaut, ein bisschen unendlicher Leerlauf.

 

(An dieser Stelle ein trauriges Lied. Die Autorin lässt die freie Wahl, welches das sein möge. Die Empfehlung des Hauses: Hundreds – What remains.)

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*Entschuldigung, das mit dem „gewesen“ kommt auf die Liste der Dinge, die man mal machen sollte. Wie auf den Oberschränken in der Küche putzen, das mit der Steuer, das mit dem Internet, das mit dem Ummelden und dem Ökostrom, Sie wissen schon.

Ein Gedanke zu „Eine Stadt, ein Herz, ein Leerlauf

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