Scheitern ist scheiße

Menschen schreiben Artikel darüber, damit Menschen wie ich sich nicht so schlecht fühlen. Die Artikel heißen dann „Warum wir scheitern müssen und das super ist“ oder etwas in der Art, denn 2016 muss sich Scheitern endlich wider lohnen.

Zum Glück hat wenigstens noch niemand ein neues Wort dafür erfunden, so wird es zwar plötzlich eine Sache, die man jetzt echt mal tun darf, aber die heißt wenigstens immer noch so, dass man weiß, dass Scheitern kein verdammter Yoga-Workshop ist.

Diesen Eindruck kann man nämlich bisweilen bekommen, wenn man sich Artikel jenen Inhaltes durchliest, die das Scheitern als das neue, geile Erlebnis erklären: ist ein bisschen wie Detox, erst echt nicht so geil, aber am Ende fühlt man sich total befreit, extrem deep und diesdas. Aha.

nietzsche über das träumen und wachen

Und das ist ja auch ziemlich logisch, 2016, dass wir plötzlich ständig scheitern dürfen. Scheitern ist der Punk der Postpostdingsmoderne, denn natürlich sollen wir alle immerzu und total super-optimiert sein, dafür gibt es schließlich Apps, monatliche Kündigungsfristen, Soja-Milch bei Aldi und Bücher, wenn es sein muss. Wer heute noch darüber schreibt oder nachdenkt, wie arg und unerträglich es in dieser westlichen Superwelt ist, immer super zu funktionieren, der ist entweder superalt oder kennt den AppStore nicht.

Weil die meisten von uns aber wissen, dass wir so oder so ständig auf die ein oder andere Art scheitern, ob jetzt heimlich und es weiß nur Mutti oder halb offiziell und es wissen die Freunde oder aber hochoffiziell und die Kollegen gucken schon komisch: wir scheitern, das ist quasi die Mehrwertsteuer auf den Fun Fun Fun des optimierten Superlebens. Also sind wir jetzt mal richtig rebellisch und erzählen allen, wie wir gescheitert sind, denn was man offensiv angeht, kann einem nur offensiv weiterhelfen und das ist ja die Optimierung 3.0, hallo Internet, hallöchen Wahrheit, die keine ist.

scheitern ist scheisse

 

Ich scheitere jeden Tag an sehr vielen Dingen. Ich scheitere an der Zeit, die ich im Kontext zu mir höchst unangenehm und noch schlimmer: unberechenbar finde. Ich würde mich gerne mehr benehmen, immer sehr nett sein, mich über Kritik nie ärgern, nicht so unsicher und nicht so massiv ehrgeizig sein, ich würde gerne öfter den Mund halten und nicht so schnell beleidigt sein, ich wär gern mehr im Buchladen als im Internet und ich würde gerne öfter aufräumen und weniger oft heulen wegen Quatsch. Jedes Mal, wenn etwas davon passiert, fühle ich mich schlecht und muss akzeptieren, dass ich so ein Opfer meiner Ansprüche bin wie fast alle anderen auch – trotz Apps für To Dos und die Finanzen, Notizbüchern und Erinnerungen, Post Its, Sparkonto, Listen, Selbstvorwürfen, Therapiegesprächen und Selbsthass: Meine Schwächen lassen mich scheitern, hin und wieder, manchmal zu oft, oft zu sehr.

Aber: Das Scheitern an sich ist nichts Gutes. Es ist schmerzhaft, oft unnötig, macht Probleme und die Wahrheit ist, dass Scheitern scheiße ist und in 8 von 10 Fällen nicht dazu führt, dass man es besser hinbekommt, sondern man nur irgendwann lernt, dass Schwächen eben Schwächen sind und auch so heißen dürfen, und nicht hübsch anzusehen sind, aber meine Güte: es lacht sich auch gemeinsam ganz gut mit jenen, die genau so sind, Prost, auf all die, die auch immer nach dem 1. Bier nicht aufhören können.

Lasst das Scheitern in Ruhe jetzt, ok?

Natürlich gibt es das Ausnahmescheitern, das so umfassend und universell ist, dass der ein oder die andere danach begreift, dass das mit dem Job, der Ehe, dem Leben nicht so eine gute Idee war und man ja mal etwas Neues probieren könnte (sollte).

Aber das Durchschnittsscheitern ist nicht schön und nicht glanzvoll und falls doch, so scheitere ich selbst im Scheitern, das ich nicht schön finden will, egal, wie viele AutorInnen sehr umfangreich erzählen, dass es irre wichtig ist für irgendwas mit Selbsterkenntnis. Am meisten gelernt hab ich im Leben aus den Dingen, die gut liefen, nicht aus jenen, die mir misslungen sind. Ich lernte aus Ihnen, wie sich die Zustände anfühlen, die ich mir wünsche. Und was ich dafür tun muss.Das Scheitern hat mich nur gelehrt, dass diese Zustände Arbeit sind und nur ganz selten Glück. Das zumindest hat es mir beigebracht – auch, wenn es sonst so unschön und traurig ist. Scheitern muss vielleicht das einzige sein, das wir nicht optimieren sollten, weil es sonst in sich zerfällt und kein Scheitern mehr ist.