Wir sind der Club der Vollidioten

Ich träume von diesem Club, der keiner ist. Keine Ausweise, keine Mitgliedschaften, bloß ein Garten im Sommer und ein Raum voller Decken und Kissen und einem Plattenspieler, einer Heizung und Kakteen im Winter. Wir haben keinen Namen, wir sind keine Gruppe, wir sind viele und manchmal keiner, wir sind alle Vollidioten voller Angst und Empathie.

der club der vollidioten

Wir treffen uns einmal in der Woche, kurzfristig (wir sagen höchstens 10 Minuten vorher Bescheid), abends, wenn es nicht mehr so laut und voll und hell und anstrengend ist. Wir trinken alle Schnaps oder Schwip Schwap, wir reden zu schnell und zu laut und zu viel oder wir können gar nichts sagen, nur flüstern oder an den Fingernägeln kauen. Wir umarmen uns vielleicht kurz, aber das ist keine Umarmung wie da draußen – sie ist nicht warm aber eilig, sie ist eigentlich kaum da. So, wie wir. Ansonsten fassen wir uns nicht gerne an und lassen uns nicht gern anfassen. Wir erschrecken uns vor plötzlichen Bewegungen und vor Nähe, wenn wir nachdenken müssen. Unsere Nähe ist im Kopf, in den Worten oder im Schweigen. Wir vögeln die Schmerzen weg oder wollen niemals Sex. Wir haben keine Ahnung. Wir haben absolut keine Ahnung, guten Tag, guten Tag, hat jemand das Leben gesehen, das wir nie hatten?

Wir können nicht lügen und wir streiten uns bis aufs Blut. Alles ist wichtig und alles ist egal. Wir haben merkwürdige Angewohnheiten und Angst vor allem und Angst vor gar nichts. Wir sind zu doll, zu kompliziert, zu anstrengend, zu müde, zu leer, zu voll. Wir sind die Übriggebliebenen und die Idioten, die Verrückten, die Chaoten. Wir haben alles schon bedacht und können nicht schlafen, weil wir immerzu nachdenken, immerzu nachdenken, immerzu immerzu immer irgendwie zu viel.

Wir sind die, über die andere gelacht haben und die, die sich versteckt und gewunden haben. Die Irren und die Versehrten, die Bekloppten und Phantome, die, die immer weglaufen und eigentlich nur irgendwo ausruhen wollen, die, die nicht wissen wohin, aber auch nirgendwo sein wollen, die, die sich nach dem Bett sehnen, aus dem sie gerade aufgestanden sind, die, die trotzdem nicht schlafen wollen, weil die richtigen Monster nicht unter dem Bett sondern im Flackern der Synapsen wohnen.

Wir treffen uns nicht, weil das unsere Logik ist: alleine ist immer noch besser als noch ein Beweis, wie viel besser es alleine ist. Wir hoffen nichts, wir wollen aber, wir sind zäh und wir sind flüchtig, wir sind ein Club, der niemals einer sein will, wir sind dieser eine Junge, dessen Namen immer jeder vergisst; das laute Mädchen, das immer zu betrunken ist; die Frau, die verhuschte, die so leise spricht, dass sie niemand versteht; das Kind, das immer alleine spielt; das Mädchen, das doch alles schafft und sich selbst nicht erträgt; wir trinken, wir spielen, wir scheitern an uns selbst, wir werden uns vielleicht nie treffen, aber hier ein Versprechen: Wenn doch eines Tages, dann können wir uns vielleicht nicht helfen, wir können uns nicht retten, keine Helden sein für eine Nacht, uns nicht trösten, uns nicht heilen, den Bann nicht brechen, das Problem nicht lösen, danach auch nicht viel weiter wissen – und dass es uns da draußen gibt, dass da noch andere sind, dass wir ein Planetensystem und keine Kometen sind, ist doch trotzdem alles, was wir manchmal wissen müssen.

 

Ein Gedanke zu „Wir sind der Club der Vollidioten

  1. Pingback: Lesestoff • Ausgabe #9/2016 - Neon|Wilderness