Gut gemacht

Und sie erzählen dir, wie du schöner scheitern kannst. Hübsch aussehen dabei, lächeln, zerlaufene Wimperntusche ist auch nur eine Version von „Smokey Eyes“ mit Tiefgang, versprochen. Alles wird gut, alles wird so verdammt gut.

Eine schöne Vorstellung: Scheitern als Siegen begreifen, denn das Scheitern ist ja nur der Weg zum Erfolg und so, hier, klick mein Profil bei Instagram, geiler Tag, noch geilerer Tag, weil: geiles Leben, alle 20 Bilder mal ein bisschen Scheitern, aber ey: das gehört ja wohl dazu. Ich bin ja kein Monster, da bin ich „Mensch“, ich bleibe auch mal an einem Sonntag so 2,5 Stunden im Bett, ich schlafe auch mal aus bis 10:30 Uhr, ich gönne mir das, ich bin eben nicht perfekt

Ich klicke mich durch Abzüge von Bildern, Ideen von Leben, alles geil, alles Highlife, alles hübsch, everything´s awesome but nobody`s happy

Ich klicke mich durch Artikelserien, die vom Scheitern erzählen. Job nicht gekriegt, Kind nicht gekriegt, Mann nicht gekriegt, sich selber bis zur Erschöpfung bekriegt, verloren, von vorne. Aber alles gut, Leute, ist doch alles okay, Scheitern ist doch auch nur ein Kieselstein, ein Puzzlestück, das man mit der Faust ins Gesamtbild rammt, das verfickte Stück wird auch noch passend gemacht, das kommt an die Stelle, mir egal, ob das so richtig ist, das sieht aus wie Himmel, also kommt das zum Himmel, Faust, Faust, Faust, wo ein Wille ist, ist auch eine Faust.

Ich schaue mich im Spiegel an. Ich bin dick geworden. Ich bin am Essen gescheitert. Forscher sagen, dass das an den Genen liegt. Der Körper musste mal sehr viel speichern, weil sehr viel Aufwand dafür betrieben werden musste, an Essen zu kommen. Heute gibt es Essen ohne Aufwand. Geil, denkt der Körper. Schön abspeichern. In den Oberschenkel-Ordner zum Beispiel. Oder in die Datei für die dritte Bauchspeckrolle. Ist doch egal, wie das aussieht. Die Evolution kennt keine Frauenzeitschriften, die kennt nur den langen Winter. Der nie kommt. Egal. Abspeichern. Alles abspeichern. Man weiß ja nie. Ich schaue mich im Spiegel an. Ich bin nicht dick. Ich bin mittelhübsch und mittelkräftig. Der Körper nickt. Was soll er auch sonst machen. Nicken, abspeichern, auf den Winter warten. Der nicht kommt.

Der Körper muss nicht speichern, der Geist nicht siegen. Das ist nicht nötig, denn das Scheitern an sich selbst ist ja nur der Weg zum Erfolg. Ein bisschen aufgeben ist okay, ganz aufgeben ist was für die, denen es schlechter geht als dir. Und es geht immer jemandem schlechter. Das ist die Maxime dieser Zeit. Reiß´ dich zusammen, es geht immer jemandem schlechter als dir. Und sie erzählen dir, wie du schöner scheitern kannst. Hübsch aussehen dabei, lächeln, zerlaufene Wimperntusche ist auch nur eine Version von „Smokey Eyes“ mit Tiefgang, versprochen. Alles wird gut, alles wird so verdammt gut, zieh dich warm an, is`n bisschen kalt da draußen.