Wie Atmen, wenn man schon ertrunken ist

Eine googelt in der Bahn „Habe ich einen Fehler gemacht online Test kostenlos“. Ihr Gesicht angespannt, der Kiefer kaut, sie tippt auf das Ergebnis „Habe ich einen riesigen Fehler gemacht- bitte HELFT MIR!“ bei gutefrage.net – dabei kennt ihr Kiefer die Antwort schon.

Einer muss stehen und mag das nicht, das ganze Leben ist nur Stehen und dann irgendwann umfallen, für immer, ihm reicht’s. Gerade eben heute wieder: seinen Mann gestanden, wie man so sagt, wie er es nennt, diesem Arschloch-von-Chef-Junior-Chef ins Gesicht geguckt und gedacht: „Kein Rückgrat du feiges Schwein, kein Arsch in der Hose“ und dann trotzdem „Danke, das mache ich gern noch eben“ gesagt.

Ein Kind schreit, was will es denn nur, eine tippt gerade auf „Manchmal“ im „Der große Persönlichkeits-Check: Bin ich Königin meines Lebens?“-Test, die Frage: Würden Sie sich grundsätzlich als glücklichen Menschen bezeichnen?

Ein Kind schreit, was will es denn nur, einer spannt die Muskeln an, draufschlagen, einfach mal zuhauen, einfach mal dem Typen so richtig auf die Fresse geben. Er muss stehen, natürlich, während alle sitzen. Die Kinder da, die dürfen sitzen. Die Frau da, die darf sitzen. Die Sporttasche da, auch. Und er hat Rückenschmerzen. Der Nacken. Immer verspannt, immer Schmerz. Er massiert die Stelle mit seinem Zeigefinger. Er reibt darauf herum, drücken, reiben, drücken, reiben, drücken, Reibung erzeugt Wärme, hat er gehört, und Reibung findet er gut.

Was ist, denkt die eine, wenn ich einfach „Entschuldigung“ sagen würde. Sie öffnet ein Chat-Programm und tippt.

Fast hätte er seine Station verpasst, er ist so müde, er ist so … Was eigentlich? Was stimmt denn bloß nicht?

Und sie tippt.

Er steht auf dem Bahnsteig und denkt … nichts. Da ist nur Rauschen, aber nicht mal das ist in seinem Kopf. Es ist nur ein Gefühl, eines, das nach Wasser klingt und atmen, wenn man eigentlich schon ertrunken ist.

Sie liest ihren Text, zum dritten Mal schon, noch zwanzig Minuten bis nach Hause, vielleicht heute Abend abschicken oder doch morgen, vielleicht noch in den Supermarkt, vielleicht heute nichts essen, vielleicht Fernsehen und einfach schlafen gehen, vielleicht auch niemals abschicken, denn was ändert das schon, sie schließt das Fenster und tippt „Hallo Süße, sorry, dass ich mich erst jetzt melde“ an jemanden, der ihr völlig gleichgültig ist, klickt auf „Senden“ und hört dem Zischen-Ton beim Verschicken zu, da ist ein Gefühl, irgendwas, das sich nicht lokalisieren lässt, vielleicht in der Schläfe, wie ein Geräusch, das nach Wasser klingt und atmen, wenn man eigentlich schon ertrunken ist.