RISS

Riss_Kathrin_Wessling

 

Ein kleiner Moment bloß, ein Augenblick. Ein Riss in der Wolkendecke, ein Luftholen und dann den Atem anhalten und bis sieben zählen. Ausatmen, merken, dass es funktioniert: Du kriegst Luft, du bist nicht gestorben, du lebst einfach weiter, bitteschön. 

 

AUFSTEHEN

Die Wolken hängen da so rum, was sollen sie auch sonst machen, die ollen Dinger, die bleiben da jetzt bis sie runterfallen, als Regen oder Dunst. Du liegst im Gras, du guckst
zu, du wunderst dich nicht, seit Jahren erstaunt dich nicht sehr viel, vielleicht manchmal die Tatsache, dass du abends einschläfst (oder Morgens, oder mitten am Tag oder wie so oft auch nicht) und tatsächlich wieder aufwachst. Ein kleiner Tod, jeden Tag, aufstehen, überleben, schlafen gehen, 10 Stunden tot sein, aufwachen, ein Leben zwischen To Do´s und Sachen machen, dies das, weitermachen.

EINATMEN

Du erfindest dich nicht neu, du denkst dir nichts mehr aus. Du weißt, dass da ein Herz in der Brust sein muss, die sich senkt und hebt. Du gehst das ganz empirisch an, sagst „wissenschaftlich gesehen“ und „man muss davon ausgehen“ und meinst damit, dass es wahrscheinlich ist, dass du am Leben bist, aber so sicher bist du dir damit nicht. In deiner Brust schlägt etwas, sagen sie, etwas pumpt und bebt, aber wie kannst du dir ganz sicher sein, wenn du das, was da schlägt, nur fühlst aber nie siehst? Egal, so lange alles funktioniert, wenigstens fühlst du irgendwas und wenn es nur das Rauschen ist, das für jeden Tag einen Strich macht, ein Leben, das aus dieser Strichliste besteht.

WEITERMACHEN

Etwas zu fühlen kann eine Last sein oder genau andersherum, Müdigkeit ist dann das Gegengift, Schlaf etwas, das hilft – oder eben genau nicht. Eine einfache Gleichung mit banalen Variablen, die Lösung so nah wie lächerlich: nichts zu fühlen ist manchmal einfacher – aber schön ist es dann auch nicht.

HINLEGEN

Du liegst im Gras und spürst den Riss. Dein Körper wie ein Regenwolkenfeld, durch das Licht bricht. 

UND

Du guckst dir selber zu, scheiß auf Wissenschaft und scheiß auf Empirie, du atmest, eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs. Du hältst die Luft an, bis sieben zählen,

AUSATMEN,

merken, dass es funktioniert: Du kriegst Luft, du bist nicht gestorben, du lebst einfach weiter, so einfach und so beruhigend, ein kleiner Moment, bloß ein Augenblick, ein Riss in der Wolkendecke, die du bist.

 

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Der ganze Text zum Anhören: