PING PONG

Du siehst so müde aus und wach gleichzeitig, und das ist ein Seinszustand – kein Istzustand. Etwas, das nur manche sind: immer wach und immer müde gleichzeitig. Wir spielen dieses Spiel, das wir kennen, das du ganz gut kannst und ich nicht: Ping Pong aus Hin- und Wegschauen, ein Blick wie ein Ball, eine Kopfbewegung, ein Lächeln wie ein Schlag.

Du sitzt da und schaust mich an und ich will mich zu dir setzen und dir erzählen, wer ich bin, wenn ich wüsste, wie das geht, wie die Geschichte heißen würde, die ich dir erzählen kann. Vielleicht sollte ich dir von der Schlaflosigkeit erzählen und von meinem Ekel vor Dingen, die andere Menschen nicht eklig finden: Das Gefühl, nasse Wäsche aus der Maschine zu ziehen und das Quietschen am Dichtungsgummi, Marmelade an Teelöffeln, wenn die Zahnbürste den allerletzten Backenzahn berührt, wenn man so müde ist, dass man nicht schlafen kann, wenn Asche nass wird.

Ich könnte dir erzählen, dass ich mir nachts immer aus Versehen die Bettdecke um den Kopf wickle und dann aufwache und es sich anfühlt, als würde ich in einer roten Höhle sein, in der man keine Luft kriegt und trotzdem nie wieder raus will. Ich könnte dir erzählen, dass ich manchmal Angst davor habe, nur die schlechten Teile des Erwachsenseins gelernt zu haben (Langeweile, Apathie, Ignoranz, Überheblichkeit, Argwohn) und die guten niemals lerne (Ordnung, regelmäßig Dinge einkaufen, die nicht nur Kinder gerne essen, Rechnungen rechtzeitig bezahlen, pünktlich sein). Ich würde dir gerne davon erzählen, dass ich nicht schlafen kann, wenn nur ein einziger Krümel in meinem Bett ist, ich aber trotzdem am liebsten im Bett esse und wie lächerlich hoffnungslos das ist.

Du trägst einen grauen Pullover, der ganz weich aussieht, viel weicher als sich diese Nacht anfühlt, als sich dieser Frühling und der letzte Sommer anfühlen. Er sieht weicher aus als ich, das würde ich dir aber lieber nicht sagen, weil du das schon merken würdest, weil du irgendwann feststellen würdest, dass ich in einem Stein wohne, der aus Zeit ist. Aber vielleicht dürfte ich manchmal in deinem Pullover schlafen und in deinen T-Shirts und Hemden, vielleicht weicht das den Stein ein bisschen auf und mich, mich auch.

Ich weiß nicht, wie das geht, weißt du, wie man etwas sagt, das man besser schreiben kann. Deshalb spiele ich mit dir Ping Pong und dann werfe ich wütend den Schläger weg und will, dass du hinter mir herläufst und mich fragst, warum ich nicht mehr spielen mag. Ich würde dir dann erzählen, dass ich Angst habe vorm Verlieren und noch mehr davor, dass ich irgendwann merke, dass es beim Spielen nicht ums Gewinnen oder Verlieren geht und dass jeder, der das anders sieht, immer verliert, weil er nicht spielt. Ich würde dir zuflüstern, dass es genau darum geht: Dass ich keinen einzigen Verlust mehr ertrage und deshalb immer zu viel auf dem Spiel steht und dass das alles versaut und dass das niemand so gut wie ich versteht.

Du siehst so müde aus und gleichzeitig wach, die U 3 fährt uns durch die Stadtteile einer Geschichte, die unsere sein könnte, wenn sie heute beginnen würde. Das täte sie, wenn ich mich zu dir setzen würde, ohne was zu sagen vielleicht. Wir würden an deiner Station aussteigen und uns einen Kaffee holen, wir würden uns ans Wasser setzen, weil das in dieser Stadt alle so machen und wir würden uns erzählen, worüber wir uns sorgen und warum wir all die Sachen machen wegen denen wir nicht schlafen können und über die wir so lange weinen bis wir irgendwann darüber lachen. 

Wir würden einfach aussteigen und spazieren gehen. Wir würden vielleicht gar nicht oder nur ganz wenig reden. Wir wären das, was sich am Ende alle wünschen: eine Begegnung, ganz selbstverständlich, ganz ohne Quatsch und sich anstrengen müssen.

Und vielleicht würden wir Musik zusammen hören, ich würde darauf bestehen, dass es meistens meine ist und dafür zuhören, wenn du mir erklärst, warum das nicht fair ist. Wir würden uns die Wunden zeigen und die Narben, die Hilflosigkeit und die Bilder aus den Tagen, als wir uns noch nicht kannten. Wir würden uns manchmal streiten und Sachen werfen, wir würden lachen und heulen und ficken und tausend Tode sterben und uns Essen kochen und beieinander schlafen und tanzen gehen und füreinander einstehen und wir würden genau all die kitschigen Sachen machen, die die Leute tun, die wir eigentlich hassen.

Ich schaue dich an und du guckst zurück. Ich frage mich, ob du mich schön findest und ob du mit mir leben wollen würdest, trotz der Bücher und Zeitungen und tausend Decken und (besonders) trotz der Teller und der Krümel im Bett. Trotz der Tabletten und des Zorns, trotz der Angst, nie genug zu sein und der Panik davor, dass das Gegenteil noch schlimmer wäre. Ich frage mich, ob du mir Kaffee morgens machst und mich abends weglaufen lässt, wenn ich wieder mal nicht schlafen kann. Ich frage mich, ob du mich rennen lässt und toben, ob du mich tröstest und liebst, ob du mich aushältst und mir das ständige Flüchten vergibst. Ob ich dir erklären kann, wie nervig, anstrengend, wunderbar und grauenhaft ich bin, wie oft ich alles und gleichzeitig gar nichts fühle, wie sehr ich kämpfe, wie sehr ich mich bemühe. Und dass es Hoffnung gibt, wenn ich das hier noch fühlen kann, dass noch Hoffnung besteht, wenn man zwar nicht unversehrt- aber noch in der Lage ist, sich zu verlieben in einen Fremden, der du bist.

Ich schaue dich an, es ist 6 Uhr morgens und vor mir schläft ein Mädchen ein, die U-Bahn ruckelt leise durch Eppendorf und Hoheluft, ich schaue dich an und du mich auch, dann stellen wir beide die Musik an unseren Kopfhörern in unseren Telefonen laut, die U-Bahn hält und ich steige aus. Auf dem Bahnsteig drehe ich mich nicht um und ich gehe auch nicht zurück, ich höre die Bahn wegfahren und denke an dich, an deine Augen, deinen Pullover, deine Hände, dein Gesicht, deine Finger auf meiner Haut, ich denke an unsere Partie an einem Samstagmorgen um 6, ein Spiel, bei dem man nur gewinnt, wenn man sich traut.

 

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Bild by Bruno Nascimento