Abschiedsbrief an (m)einen Panzer

 

Wir kennen uns schon so lange, du und ich. Ich habe dich erschaffen, ein bisschen, weißt du noch, in einem Sommer, der wie dieser war, in dem alles brannte, lichterloh, und ich so wach war, so da, so viel, in einer dieser Nächte beschwor ich dich zu mir. Ich wollte, dass du dich um mich legst, mich zudeckst, mich beschützt und mich unter dir versteckst. Ich wollte, dass du auf mich aufpasst, weil mich nichts berühren sollte, das nicht zu ertragen war. Und dann warst du endlich da.

Du hast dich um mich gelegt und dich vor mich gestellt. Du warst eine Mauer, eine Festung, eine Armee, die um sich schießt. Ich wollte, dass du größer wirst, dicker und fest, ich wollte, dass du alles abwehrst, was sich vermeiden lässt. Ich habe dich gebeten zu bleiben und zu wachsen und zu sein, ich wollte, dass du aus Granit bist, aus Beton, aus Stein. Unter dir wollte ich schlafen, bis es nicht mehr geht, niemand sollte dich überwinden oder knacken können, jeder sollte an dir scheitern und verzweifeln, niemand sollte dich je überwinden, du solltest die Burg sein, der Graben, unter dir wollte ich endlich verschwinden.

Ich habe mich unter dir begraben und versteckt, ich wollte das so, ich habe diesen Plan selber ausgeheckt: Du würdest dafür sorgen, dass ich nicht mehr traurig bin, dass ich nichts mehr fühlen muss, was nicht schon da ist. Ich wollte schlafen, tausend Jahre lang und aufwachen in einem Land, das keine Schmerzen kennt und keine Reue, in einem Land ohne scheiß Panik und ohne die Wut, ohne Zorn und ohne Fragen, ohne „Es tut mir leid, aber“ und „Was soll ich jetzt dazu sagen?“

Weißt du, mit einem Panzer kann man nicht tanzen, nicht atmen, nicht lieben, nichts fühlen, nur schreien, man kann nur schlafen und unter sich selber verschüttet sein. Deshalb werfe ich dich endlich ab und befreie mich aus dir, ich schicke dich weg, ich jage dich fort, ich renne weg von dir. Ich löse dich auf mit Nächten aus Schaumwein und Gier, mit Sonnenbrand und Küssen und einem Ich, das ein Teil ist von einem Wir. Ich schmeiße dich weg, weil ich dich nicht mehr brauche und nicht mehr will, weil Zynismus nur Angst ist in Spiegelschrift und nichts zu fühlen nicht heroisch sondern einsam ist. 

Schutzlos will ich sein und alles spüren, einen Herzschlag bis zum Hals, die Mutprobe meines Lebens. Ich will scheitern und wieder aufstehen, ich will lieben und damit wieder aufhören, ich will alles fühlen und alles ertragen, ich will zittern und Angst haben, ich will wollen und brauchen, rennen und straucheln, ich will mutig sein und feige, bereit und voller Zweifel, ich will Kitsch und Nostalgie, Scham und Melancholie, ich will alles wollen und nichts kriegen und das Gegenteil davon, ich will keinen Panzer mehr und keine Sicherheitszonen, keinen Halt und keinen doppelten Boden. Ich will sowas von da sein, sowas von jetzt, sowas von hier, sowas von sehr, ich will alles, alles, alles, nur dich, dich brauche ich endlich nicht mehr.