„Guten Tag, hier spricht dein Gehirn, könnte ich mal kurz das Herz sprechen?“

 

 

Ich liege auf dem Boden, weil das so schön theatralisch ist, das gefällt dem Herzen, ein bisschen Wein, ein bisschen Weinen und rumliegen auf Böden, bis es lächerlich wird. 

Es klingelt. Das Gehirn ist dran, das weiß das Herz schon, deshalb hat es das Gehirn nicht in die Favoriten-Liste gesetzt, soll doch die Mailbox rangehen und sich die ganze Scheiße anhören. Aber das Gehirn ist hartnäckig und das gibt nicht so schnell auf, dann wird eben noch mal angerufen und noch mal, bis da einer rangeht, ein paar Stockwerke tiefer, es hört ja das Schlagen, das Rasen, also ist da auch einer Zuhause, also bitte.

„Hallo Herz, schön, mal wieder mit dir zu sprechen.“

„Ja, finde ich auch.“

„Ich merke, wenn du lügst, du Spast.“

„Na und, ich sag` ja auch nix, wenn du mal wieder rumstresst und mir den Mund verbietest, also mach´ hier mal nicht einen auf Genie.“

Das geht noch eine Weile so, die beiden streiten sich sehr gern, das Herz brüllt und das Gehirn tadelt, alles wie immer, das muss so sein, sonst stimmt was nicht.

„Gut, kommen wir zum Anliegen meines Anrufs.“

„Lass mich raten: Ich soll mal ruhiger machen, mich nicht so idiotisch benehmen, nicht immer so viel wollen und so wenig kriegen, ich soll mal erwachsen werden und mich nicht so anstellen, außerdem soll ich mit dem Gejammer aufhören und Kinder installieren oder sowas, damit der Körper mal wieder seinen Spaß hat, die arme Sau.“

„So würde ich das jetzt nicht ausdrücken, aber zusammengefasst denke ich schon, dass du mal wieder…“

„… mehr ausgehen solltest und mehr Spaß haben, jemanden ranlassen, wie du das nicht ausdrücken würdest, aber meinst. Ich soll quasi alle Türen aufmachen und alle Fenster dazu und dann let the Party started, ja?“

Der Boden ist ein bisschen unbequem, ich würde gerne aufstehen und einfach rausgehen, aber das Gehirn ist noch nicht fertig, das war jetzt lange genug in der Waitingline, jetzt wird hier mal ausgepackt und alles gesagt.

„Ich meine vor allem, dass du mal klarkommen solltest. Weniger Zweifel, mehr Spaß. Das ist ein altes chinesisches Sprichwort.“

„Verarscht du mich gerade wieder?“

„Nur ein bisschen, Idiot.“

„Na ja, sagen wir mal so: Ist ja nicht gerade so, dass es bisher viel gebracht hat, auf dich zu hören. Immer erzählst du diesen ganzen Kram von wegen mehr Sport und mehr gesunde Sachen lieben und sowieso mehr lieben und weniger Angst und aber nicht den Falschen lieben, das ist nämlich nicht gesund, das macht mich krank, ich weiß, ich weiß, immer ist irgendwas.“

„Vielleicht solltest du einfach ein bisschen besser schauen, was du magst und wem du dich öffnest und außerdem natürlich wesentlich häufiger auf mich hören.“

Das Herz verkrampft sich, es kennt den Text schon, bla bla bla, denkt es, und „halt doch die Fresse, du anstrengendes scheiß Gehirn“ und dann nickt es trotzdem freundlich in den Hörer, damit das Gehirn sich freut und sagt: Schön, dass wir uns verstehen.

„Fangen wir doch damit an, dass du ein bisschen Stacheldraht um dich selber bindest und aufpasst, wer reinkommt. Vielleicht brauchst du auch eine kleine Armee, ein paar Soldaten mit Panzern und Gewehren und eine Alarmanlage auch, einen tiefen Graben um dich rum, ein bisschen mehr Schutz, weißt du, dann bist du vielleicht nicht mehr immer so unglaublich dumm.“

Ich liege auf dem Boden und höre den beiden zu, mein Rücken tut weh vom harten Boden und mein Kopf tut weh vom Kämpfen und mein Herz tut weh vom Scheitern und vom Streiten und dann höre ich das Herz sagen „Hallo, hallo? Gehirn? Ich verstehe dich so schlecht, die Verbindung ist ganz, ganz mies, sorry, krrr, brrr, krrr, ich lege mal auf, krrr, Ciao!“

Der Kopf wundert sich über gar nichts mehr, er hat schon alles gesehen, aber er wünscht sich zu sehr, dass es dem Herzen niemals so geht.