Einer will, einer nicht

Manche Menschen tauchen nur für eine Nacht auf und alles, was sie da bleiben lassen, ist ein Lied, das du danach dann in endloser Schleife hören kannst, denn vielleicht sollten sie genau das auch nur tun, nur zu Besuch sein, nur eben vorbeischauen und dir zeigen, was da noch so möglich ist alles. Sie halten deine Hand, sie streicheln deinen müden Kopf, sie flüstern etwas, du verstehst gar nichts. Ihr teilt Sekunden, Minuten, Stunden und dann steht einer auf und sagt: ich muss jetzt los. Und dann ist es wieder vorbei. So geht das, so passiert das eben immer und immer wieder, das ist das Karmakarussell, dass immer die sich wieder anziehen und die Tür hinter sich zu machen, die eigentlich bleiben sollten und die, die man kaum erträgt, die gehen einfach nicht, bis man endlich sagt: Bitte, bitte geh.

 

Und wenn die Tür erstmal zu ist, liegst du da wie so ein Idiot und fragst dich, was du verpasst hast, wann das passiert ist, dass der andere gedacht hat: Gleich mal gehen. War das, als du kurz fast eingeschlafen bist, als du geheult hast wegen dieses dummen Liedes, als du im falschen Moment nichts gesagt hast und im richtigen die falschen Sachen. War das, als du geraucht hast, als du geatmet hast, als du da so lagst, verschwitzt und müde und dann kam der Gedanke und hat dem anderen ins Ohr geflüstert: Hau ab. Wann war das bloß. Und warum hast du das nicht mitbekommen und wenn du es mitbekommen hättest, hättest du etwas sagen können, etwas tun, damit der andere nicht geht? Nein, wohl nicht. Denn so ist das mit dem Gehen und Bleiben: Einer will, einer nicht.

 

Es tut weh, der zu sein, der dann das Lied in Endlosschleife hört und sich vorstellt, er wäre einer, dem es nichts ausmacht, weil er ja auch nicht will, nicht bloß nicht, weil er nichts fühlen kann oder weil ihm eh immer alles so egal ist, sondern einer in einer Situation, in der das Gleichgewicht stimmt, in der beide gleich wenig wollen und mit wenig ist nichts gemeint. Es tut weh, der zu sein, der überhaupt was will, während der andere schon im Taxi nach Hause sitzt. Es tut weh, immer zu wenig zu wollen und im falschen Moment, in genau diesem nämlich, doch zu viel. Es tut weh, immer zu schnell zu sein und im entscheidenden Augenblick zu langsam. Es tut weh, so zu sein. Es tut weh.

 

Und dann schleppst du dich durch die Tage mit deinen schönen Vorstellungen im Kopf zusammen, der ganz schwer davon ist, und stellst dir vor, wie schön es wär, wenn es schön wär, wenn alles einfach mal total gut liefe, wenn es einfach mal e i n f a c h wär. Aber wie langweilig, oder, wie banal, wenn es einfach alles klappen würde. Keine Probleme, keine Ängste, keine Abgründe, nur Glück und Händchenhalten, nur alles super, fürs Erste jedenfalls.

 

Man kann nicht alles konstruktiv lösen. Manchmal muss man saufen und schreien und wütend sein und auf den Tisch hauen und sich hemmunglos ergeben, und das ist dann die verfickte Lösung. Man kann nicht immer erwachsen sein und stolz. Man ist manchmal einfach genau dieser Trottel, der weint und sich sehnt und traurig ist und schreit und gar nicht versteht.

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